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Interview mit Dr. Stephanie Robben-Beyer

14. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Corona fegt über den Arbeitsmarkt wie ein Erdbeben.
Stichwörter sind Homeoffice, flexibles Arbeiten, keine Reisen, virtuelles Führen, virtuelle Teams, Diversity, Quereinsteiger, Job-Sharing, Duale Ausbildungswege, lebensphasengerechte Flexibilitätsangebote, Brasilianisierung der Arbeitswelt, Neuorientierung des Bildungs-Systems, Vereinbarkeit, Family-Work-Balance, …
Die Situation ist sehr angespannt – insbesondere für bestimmte Branchen.
Deutschland fehlen Fachkräfte (u. a. durch „braindrain“ ins Ausland), ungelernte Arbeiter wie zum Beispiel Paketfahrer werden gesucht.
Die gesellschaftliche Schere klafft immer weiter auseinander.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Der Bereich des virtuellen Arbeitens. Führungskräfte müssen lernen, virtuell zu führen (der Fokus liegt insbesondere auf dem Ausbau Emotionaler, Sozialer, Kommunikativer Kompetenz, dem Systemischen Denken). Mitarbeiter müssen stetig weitere digitale Kompetenzen erwerben.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Ja! Kompetenzen wie Soziale, Emotionale und Kommunikative Kompetenz. Der Umgang der Menschen miteinander und Werte leben, müssen dringend geschult werden – in allen Gesellschaftsschichten! Lebenslanges Lernen muss zur Selbstverständlichkeit werden. Ich wünsche mir einen Ausbildungs-/Studiengang speziell mit dem Thema „Führung“ – unabhängig von Branchen.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Es ist eine Illusion, alle mitnehmen, respektive „Abgehängte“ einfangen zu können. Warum? Weil wir dafür das grundlegend falsche Bildungssystem und den falschen Integrationsansatz haben.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Vieles hierzu steht schon in der Antwort zur Frage 1. Unternehmen / Führungskräfte müssen sich für die hybride zukünftige Arbeitswelt rüsten. Das bedeutet, weniger Reisen, weniger analoge Meetings und mehr virtuelle Treffen. Dafür müssen Führungskräfte an ihrer Empathie und Sozialen und Kommunikativen Kompetenz arbeiten und insbesondere für virtuelle Meetings geschult werden.

Dr. Stephanie Robben-Beyer
Coach | Moderatorin | Mentorin
www.dr-robben-coaching.de

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Interview mit Bertram Brossardt

12. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Durch den breiten Einsatz von Kurzarbeit konnte es bislang verhindert werden, dass die Corona-Krise zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt hat. Es war deshalb richtig, den Einsatz der Kurzarbeit zu flexibilisieren und so Unternehmen die Möglichkeit zu geben, trotz des konjunkturell schwierigen Umfelds Beschäftigung zu halten.
Die langfristigen Folgen am Arbeitsmarkt durch die Corona-Krise sind bislang nicht absehbar und werden maßgeblich davon abhängen, wie schnell wir die Corona-Krise hinter uns lassen können. Ein Trend zeichnet sich allerdings bereits ab: der deutliche Rückgang der offenen Stellen, führt dazu, dass es schwieriger wird, Arbeitslose in Beschäftigung zu vermitteln. In der Konsequenz beobachten wir ein Aufwachsen der Langzeitarbeitslosigkeit. Hier werden wir ansetzen müssen. Neben der Aktivierung, Qualifizierung und Vermittlung ist es in diesem Zusammenhang dringend geboten, von einer weiteren Regulierung im Arbeitsrecht abzusehen und einen weiteren Anstieg der Lohnzusatzkos-ten zu verhindern.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Durch die Digitalisierung ändern sich nahezu alle Bereiche der Arbeitswelt. Diese Herausforderung muss ganzheitlich angegangen werden. Eine Priorisierung einzelner Bereiche erachten wir als nicht zielführend.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Insgesamt ergeben sich im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung neue Anforderungen des Arbeitsmarkts an die berufliche Bildung, d. h. sowohl an die Unternehmen als auch den dualen Partner Berufsschule. Das Berufsbildungssystem passt sich weitgehend flexibel an die sich wandelnden Arbeitsmarkterfordernisse an und wird stetig weiterentwickelt und optimiert. Derzeit gibt es 324 Aus-bildungsberufe, die auf Tätigkeiten in den unterschiedlichen Branchen vorbereiten. Um einen ausreichenden Überblick über das breite Spektrum zu erlangen, müssen junge Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft individuell, rechtzeitig und kontinuierlich in einem gezielten Berufswahl-prozess unterstützt werden. Im Fokus muss dabei die Praxisnähe der Berufsorientierungsangebote stehen.

Zum 01. August 2018 traten elf modernisierte M+E Ausbildungsberufe sowie sieben optionale Zusatzqualifikationen in Kraft. Dies ist ein Beispiel für die gelungene Weiterentwicklung der Ausbildungsberufe im Hinblick auf die Herausforderungen der digitalen Transformation.

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass es sich bewährt hat, die Anpassungen der Ausbildungsberufe in die Hände der Sozialpartner zu legen, die eine gestaltende und verantwortliche Rolle in der Berufsausbildung wahrnehmen. Es ist wichtig, die Ausbildungsanalysen kontinuierlich zu hinterfragen, zu modernisieren und an digitale Anforderungen anzupassen.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt weiterentwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Es ist und bleibt immer eine Herausforderung in allen Bildungsbereichen Partizipationsungerechtigkeit zu erreichen, auch im beruflichen Bildungssystem. Die Weiterentwicklung und Verstetigung des Instrumentes der Assistierten Ausbildung (AsA) ist eine Option, wie dies gelingen kann. Es gilt, diese Möglichkeit stärker bekannt zu machen. Im Zuge des digitalen Wandels wird es immer wichtiger, bestehende Maßnahmen durch innovative digitale Tools zu ergänzen, insbesondere um eine Nutzung im ländlichen Raum zu fördern. Ein weiteres wichtiges Element für mehr Partizipationsgerechtigkeit ist die Teilzeitausbildung. Das Modell bietet die Chance, zusätzliche Ausbildungs-/Beschäftigungsverhältnisse für eine ganz bestimmte Zielgruppe zu begründen. Die Option muss in Zukunft noch mehr bei den angehenden Fachkräften bekannt gemacht sowie bei den Betrieben angeboten werden.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Ent-wicklung beim Fachkräftebedarf?

Die Corona-Pandemie hat insbesondere in den Bereichen Gesundheit und Pflege nochmal drastisch offengelegt, wie wichtig es ist, dort den Personalbedarf adäquat zu decken. Aber auch im Bereich IT hat sich durch den Digitalisierungsschub der Corona-Krise der Fachkräftebedarf weiter erhöht.
Grundsätzlich sind wir gut beraten, Fachkräftesicherung unabhängig von konjunkturellen Schwankungen als Daueraufgabe zu sehen. Innerhalb dieses Jahrzehnts werden die sog. Baby-Boomer Jahrgänge in den Ruhestand gehen und das Erwerbspersonenpotenzial wird sich deutlich reduzieren. Die Frage, wie Betriebe künftig ihren Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften decken können, bleibt damit weiterhin eine zentrale Herausforderung.

Die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hat daher im Jahr 2018 zusammen mit der Bayerischen Staatsregierung die Initiative Fachkräftesicherung+ ins Leben gerufen. Gemeinsames Ziel ist es, die Unternehmen in Bayern bei der Fachkräftesicherung zu unterstützen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Qualifizierung und der beruflichen Weiterbildung, um den Beschäftigten das Rüstzeug für die Arbeitswelt von morgen zu vermitteln.

Bertram Brossardt
Hauptgeschäftsführer der Verbände vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V., vbm / Verband der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie e. V., / bayme – Bayerischer Unternehmensverband Metall und Elektro e. V.

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Interview mit Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg

7. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Die Corona-Krise hat die Situation des Arbeitsmarktes deutlich verändert – es gibt neben unveränderten Tendenzen klare Gewinner und Verlierer der Krise je nach Branche. Allerdings auch ohne die Pandemie steht der Arbeitsmarkt für großen Herausforderungen. Durch den demografischen Wandel verändert sich die Altersstruktur, während der technologische Wandel nicht nur einzelne Anforderungen verändert, sondern komplette Berufe. Was damals noch die Mehrheit der Arbeitsplätze ausmachte, wird heute von Maschinen übernommen, v. a. wiederkehrende und Handlangertätigkeiten. Für diese Mitarbeitenden fehlen schon heute oft die Aufgaben, die sich anstellen dessen übernehmen können.
Auch darüber hinaus verändert sich die Welt und damit der Arbeitsmarkt. Der gesamte Digitalbereich etwa hat weltweit in den letzten Jahrzehnten Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen. Auch im Energiesektor entstehen ganz neue Bedarfe, genau wie in vielen weiteren Branchen. Diese Chance muss ergriffen werden, vor allem durch passgenaue Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen und langfristige Planung in den Unternehmen.

Welcher Bereich in der sich verändernden Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Die vielleicht wichtigste Veränderung ist, dass Arbeiten längst nicht mehr synonym mit dem klassischen 9-to-5-Job ist. Entlohnt wird nicht mehr zwangsläufig nach Arbeitszeit, gearbeitet wird nicht mehr nur im Büro oder der Fabrik und die lineare Karriere vom Schulabschluss bis zum Ruhestand ist auch überholt.
Ich bin davon überzeugt, dass sich das auch in der Personalplanung der Unternehmen und den angebotenen Arbeitsrahmen widerspiegeln sollte: wer Mitarbeitende hat, die sich parallel in zwei oder mehreren ihrer Interessensbereiche engagieren und ihre Zeit viel freier selbst bestimmen können, der hat nicht nur glücklichere und zufriedenere Mitarbeiter, sondern vor allem auch welche, die interdisziplinäres Wissen und Netzwerke mitbringen.
In der Arbeitswelt der Zukunft, die kreative und innovative Ideen von fast allen Arbeitnehmern abverlangen wird, ist diese Flexibilität zu bieten kein Problem, sondern kann ganz im Gegenteil den wettbewerbsentscheiden Vorteil ausmachen. Was mich dabei v. a. interessiert ist agiles Arbeiten, der neue Leadership-Begriff, der Self Empowerment beginnt und Design Thinking als wirkungsvolle Methode, die Vielfalt optimal ein- und umsetzen kann.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Insbesondere in den praktischen Berufen hat uns das duale Ausbildungssystem in Deutschland zu außerordentlich leistungsfähigen Arbeitskräften und internationaler Anerkennung verholfen. Das System selbst ist nach wie vor vor fantastisch, um Auszubildenden eine Kombination aus formaler Berufsbildung und praktischer Erfahrung bieten zu können. In vielen Branchen und Berufen, scheint das Curriculum aber nicht mehr mit den tatsächlichen Anforderungen im Beruf übereinzustimmen. Werden in der Berufsschule in großem Umfang Methoden vermittelt, die seit Jahrzehnten nicht mehr zum Einsatz kommen, hilft die Dualität kaum. Die Ausbildungsberufe müssen daher kontinuierlich von Experten aus der Praxis evaluiert werden: Entsprechen die Berufsbilder grundsätzlich überhaupt noch den aktuellen Bedarfen? Sind die Profile und Curricula angemessen für die Anforderungen in der Praxis? Sind Absolventen der Berufsausbildungen tatsächlich gut vorbereitet, um auch in anderen Unternehmen direkt in den Beruf einzusteigen?
Die duale Berufsausbildung oder das Studium reichen in unserer heutigen, schnelllebigen Welt aber nicht mehr aus bzw. gibt es mittlerweile Alternativen, die die traditionelle Aus- und Weiterbildung redundant machen. Es gibt individuelle Qualifizierungsangebote, die jedem die Möglichkeit geben, sich nach den Entwicklungen in ihren Berufen und Branchen, aber auch nach ihren eigenen Interessen lebenslang weiterzubilden. Ein umfangreiches niederschwelliges Angebot ist essenziell, um die Stärken der deutschen Wirtschaft auch in einer sich weiterhin verändernden Arbeitswelt beizubehalten und weiterzuentwickeln.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die “abgehängten” aufzufangen und zu integrieren?
Die Herausforderung beginnt hier schon vor dem Einstieg in den Arbeitsmarkt. Das deutsche Schulwesen nimmt längst nicht alle Schüler*innen mit – Schüler*innen, die nicht in das Schema F passen, anders lernen, dann schlechte Noten, Demotivation, Aggression, nur einen Hauptschulabschluss oder letztendlich keinen haben und schon befindet sich jemand in einer Abwärtsspirale. Sowohl Schulen als auch Bildungspolitik und Unternehmen müssen diesen Jugendlichen mehr Möglichkeiten bieten, sich auszuprobieren, ihre individuellen Potentiale zu entfalten und Zukunftsskills auch außerhalb von Klassenzimmern mit traditioneller Wissensvermittlung im Frontalunterricht zu entwickeln.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Kurzfristig scheint die Corona-Pandemie natürlich erstmal wie ein dramatischer Einschnitt. Durch betroffene Absatzmärkte weltweit zwingen Nachfragemenge und wirtschaftliche Situation viele Branchen zu Kurzarbeit oder Kündigungen und die Kontaktbeschränkungen erschweren das Arbeiten vor Ort und das Anbieten von Dienstleistungen. So disruptiv und herausfordernd die Pandemie auch sein mag, langfristig können wir sie trotzdem als Chance sehen. Denn sie zeigt, dass Arbeiten von Zuhause oder unterwegs auch in großem Rahmen möglich ist, dass virtuelle Zusammenarbeit funktioniert und vor allem auch, dass einige Arbeitnehmer*innen durchaus davon profitieren, wenn sie Arbeit und Privates wie Teile eines Puzzles verbinden und ebenso voneinander trennen können. Hoffentlich können diese Erfahrungen als Augenöffner fungieren und zu mehr Flexibilität für Arbeitnehmer*innen führen.
Der Fachkräftebedarf wird sich längerfristig stabil halten bzw. in einigen Branchen sogar steigen. Die Stärke unserer Wirtschaft liegt in der hohen Leistungsfähigkeit, Innovationskraft und Flexibilität der Arbeitnehmer*innen und das wird auch so bleiben. Den Ball haben nun die Unternehmen, die Stärken erkennen und noch weiter ausbauen dürfen – und dabei ihre Personalplanung strategisch denken müssen.

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg
Leiterin des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement (IISM) an der SRH Berlin University of Applied Sciences, Geschäftsführerin GetYourWings gGmbH

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Interview mit Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, MdB

6. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Dem Arbeitsmarkt geht es vergleichsweise gut, die Corona-Krise geht aber auch am deutschen Arbeitsmarkt natürlich nicht spurlos vorbei. Durch die Kurzarbeit konnten Entlassungen größeren Ausmaßes verhindert werden. Allerdings werden auch hier während der Corona-Pandemie weniger Menschen neu eingestellt, was der Hauptgrund für den Anstieg der Arbeitslosigkeit ist. Und zusätzlich werden weniger Ausbildungsplätze angeboten. Die Bundesregierung hat am Anfang der Krise viele richtige Entscheidungen getroffen, wie die Erleichterung für Kurzarbeit. Es muss aber erstens mehr getan werden, Einstellungen zu fördern, um zu verhindern, dass sich Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt. Insbesondere für viele junge Menschen kann es dauerhafte Folgen haben, wenn der Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht gelingt. Zweitens müssten die derzeitigen Arbeitsmarktmaßnahmen stärker in Richtung Zukunft und Strukturwandel ausgerichtet werden. Wir haben zum Beispiel einen Weiterbildungsbonus von 200 Euro vorgeschlagen, damit Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit in der Krise stärker mit Weiterbildung verbunden wird.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Neben den verschiedenen anderen Megatrends – Digitalisierung, Einwanderung oder demografischer Wandel – halte ich den notwendigen sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft für die drängendste Herausforderung. Alle diese Veränderungen haben Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Veränderungen werden wir nur meistern, wenn sie mit mehr sozialer Sicherheit einhergehen. Das bedeutet, dass es neben dem Wandel zu nachhaltigem Wirtschaften auch einen Wandel zu mehr Arbeitsschutz, mehr sozialer Absicherung und besserer finanzieller wie sozialer Anerkennung der Erwerbstätigen braucht. Die sozialen Sicherungssysteme müssen universeller und armutsfest werden. Wir wollen mit einer Garantiesicherung Hartz IV überwinden sowie die Sozialversicherungen nach dem Prinzip Bürgerversicherung weiterentwickeln und die Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsversicherung, mit der nicht nur Arbeitslose, sondern auch Erwerbstätige inkl. Selbständige, im Wandel unterstützt werden. Ein wichtiger Schlüssel dabei ist Weiterbildung. Wir fordern deswegen einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung, der mit einem Freistellungsanspruch, auch in Teilzeit, und einer finanziellen Absicherung verbunden ist. Wir schlagen dafür ein Weiterbildungsgeld für Erwerbstätige und Arbeitslose vor, dass 200 Euro höher ist als das Arbeitslosengeld I bzw. Arbeitslosengeld II. Des Weiteren muss die Weiterbildungsberatung verbessert werden. Außerdem sorgen faire Einkommen und Arbeitsbedingungen für eine lebenswerte Gesellschaft.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Unsere Arbeitswelt ist im Wandel. Dafür sorgen nicht zuletzt die Digitalisierung und der Strukturwandel der Wirtschaft. Arbeit wird vernetzter, mobiler, aber auch unsicherer. Es entstehen neue Formen der Erwerbstätigkeit und berufliche Kenntnisse müssen laufend aktualisiert werden. Zeitgemäße berufliche Qualifikationen und persönliche Kompetenzen sind essentiell, damit Menschen die Möglichkeit erhalten, die Veränderungen auf Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft für sich positiv zu nutzen und nachhaltig zu gestalten. Dafür braucht es neben einer soliden Grundausbildung im Verlauf eines langen Arbeitslebens eine Vertiefung der eigenen Kompetenzen im Beruf, regelmäßige Weiterbildungen oder manchmal auch eine Umschulung oder eine grundsätzliche berufliche Neuorientierung. Berufliche Weiterbildung hat heute längst noch nicht den Stellenwert, den sie in einer sich wandelnden Arbeitswelt braucht. Für die Gesellschaft als Ganzes muss Weiterbildung genauso wichtig werden wie Schulbildung, Ausbildung oder Studium. Deshalb wird es zu einer zentralen Aufgabe der Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik, die staatlichen Unterstützungsstrukturen zukunftsfest weiterzuentwickeln und auszubauen. Für Weiterbildung soll der Staat neben den Unternehmen und den Betroffenen selbst künftig mehr Verantwortung zu tragen.
Wir Grünen wollen deshalb einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung einführen. Zudem möchten wir die Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsversicherung weiterentwickeln, damit alle Erwerbstätigen auch präventiv – also noch vor dem Jobverlust – für sich neue Perspektiven eröffnen können und dafür Unterstützung erfahren.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Junge Menschen müssen da abgeholt werden, wo sie sind und nicht dort, wo wir glauben, dass das Bildungssystem sie abgestellt hat. Der Arbeitsmarkt kann nur schwer ausbügeln, was in der Schule verbockt wurde. Für viele Kinder beginnt das Gefühl „aussortiert zu werden“ nämlich schon direkt in der Schule. Entweder sie kommen aus „guten“ Familien, dann sind die Kinder Hoffnungsträger:innen und werden hofiert oder sie kommen aus „schlechten“ Familien, dann fällt der Apfel nicht weit vom Stamm und Misserfolg wird quasi erwartet. Kritisches und selbstbestimmtes Denken fehlt in beiden Extremen – weshalb eigentlich schon das Bildungssystem verbessert werden müsste, damit der Arbeitsmarkt nicht glätten muss, was in den Jahren zuvor versäumt wurde. Um Chancengleichheit herzustellen, braucht es auch ein höheres Maß an Umverteilung, vor allem von Vermögen, sowie eine bessere finanzielle Absicherung durch eine Kindergrundsicherung und ein garantiertes Mindesteinkommen für die Eltern. Außerdem brauchen wir Wege in das Berufsleben, die auf die vielfältigen Interessen und Kompetenzen der jungen Menschen ausgerichtet sind. Das heißt vor allem niedrigschwellige Zugänge zu verschiedensten Ausbildungsberufen und Studienplätzen und mehr Durchlässigkeit zwischen den Bildungsgängen.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Neben den oben genannten Megatrends hat die Pandemie vor allem an zwei Stellen Handlungsbedarf aufgezeigt, die schon vorher vorhanden waren, aber jetzt noch einmal besonders deutlich wurden.
Erstens hat die Pandemie geschlechtsspezifische Ungleichheiten verstärkt, weil immer noch die Frauen das Hauptmaß an Sorgearbeit übernehmen und ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren. Das liegt auch an ökonomischem Kalkül, weil Frauen immer noch deutlich geringere Erwerbseinkommen haben als Männer. Und das, obwohl gerade in der Krise offensichtlich war, dass die sogenannten systemrelevanten Berufe überproportional von Frauen gestemmt werden, in denen aber viel zu geringe Löhne gezahlt werden. Das heißt, wir müssen mehr Anreize schaffen, dass Frauen nicht immer wieder in die alte verkrustete Rolle geschoben werden, für die Kinder und die Familie da zu sein. Wir müssen für eine geschlechtergerechte Umverteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sowie Einkommen und Vermögen sorgen.
Zweitens wurden die gravierenden Lücken in der sozialen Absicherung von Selbständigen deutlich. Das gilt sowohl für die Arbeitslosenversicherung als auch für die Grundsicherung. Durch die Kurzarbeit konnte für viele abhängig Beschäftigte Schlimmeres verhindert werden. Selbständige haben aber keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld, selbst wenn sie freiwillig in der Arbeitslosenversicherung versichert sind. Wir müssen hierbei sowohl die Zugänge vereinfachen als auch die Leistungen an die der abhängig Beschäftigten anpassen. Und die Grundsicherung in Form von Hartz IV ist insbesondere für Selbständige überhaupt nicht geeignet. Eine Mindestabsicherung innerhalb der Einkommensteuer als negative Einkommensteuer wäre der bessere Weg.


Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, MdB
Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/ Die Grünen
Sprecher für Arbeitsmarktpolitik und Europäische Sozialpolitik

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Interview mit em. Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Friedrich Schneider

1. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Sie ist sehr angespannt, da die Arbeitslosigkeit durch die schwere Rezession nur sehr langsam sinkt.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Alle Dienstleistungsberufe.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Nein

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Beide müssen sich (weiter-)entwickeln. Beim Arbeitsmarkt sollten mehr duale Ausbildungsplätze und größere Durchlässigkeit bei der Weiterbildung geschaffen werden.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Starke Zunahme der Arbeit im Home-Office und stark gestiegene Schattenwirtschaft sowie Nachbarschaftshilfe.

em. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Friedrich Schneider
Research Institute of Banking and Finance
JOHANNES KEPLER UNIVERSITY LINZ

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Interview mit Michael Vogel

31. März 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Aktuell ist durch Corona eine gewisse Verunsicherung zu beobachten – Mitarbeiter bleiben vorsorglich im bestehenden Arbeitsverhältnis, wenn sie nicht sicher genug einschätzen können, wie sich die Lage im Allgemeinen und bei einem potenziellen neuen Arbeitgeber im Besonderen in der nächsten Zeit entwickeln wird. Wir stellen jedenfalls eine deutlich zurückgegangene Fluktuation fest. Sobald die Corona-Pandemie unter Kontrolle ist und sich das Leben in Richtung Normalität entwickelt, wird auch die frühere Beweglichkeit wiederkehren – dann vielleicht sogar verstärkt, weil es einen gewissen „Nachholbedarf“ gibt.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Die Veränderung der Arbeitswelt nimmt weiter an Tempo und Komplexität zu. Das überfordert viele, die eigentlich nur „ihren Lebensunterhalt verdienen wollen“. Die Unternehmen müssen Wege finden, ihren Mitarbeitern Orientierung zu geben und vorausschauende Entwicklungsangebote machen – fachlich wie persönlich.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Die klassischen Handwerks- und Akademikerberufe werden weiter zurückgehen, die Digitalisierung und deren enormes Tempo werden die Arbeitswelt von morgen prägen. Wissen von heute ist morgen nur noch die Hälfte wert. Deshalb ist es schon heute anstelle vielfältiger fachlicher Inhalte wichtiger zu lernen, wie man lebenslang lernt.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Unternehmen müssen eine Bereitschaft entwickeln, diesen Jugendlichen eine besondere, entsprechend qualifizierte Betreuung anzubieten, um ihre Entwicklung zu fördern, sie in das Arbeitsleben und auch sozial zu integrieren.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Die deutlichste Veränderung kommt durch den Schub bei der Digitalisierung und beim Home Office mit allen Chancen, aber auch Risiken. Auf mittlere und längere Sicht erwarte ich aber keine anhaltenden Auswirkungen auf den Fachkräftebedarf.

Michael Vogel
Leiter Instandhaltung (P.RM-SBM-B3)
DB Regio AG – S-Bahn München

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Interview mit Jana Schimke, MdB

30. März 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Bisher wurde durch Kurzarbeit und Überbrückungshilfen viel dafür getan, um Stellenabbau und Firmenpleiten im größeren Ausmaß abzuwenden. Dennoch verzeichnen wir inzwischen nach einem Jahr Pandemie und Lockdown einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Je länger die Pandemie dauert, desto schwerer werden die Folgen für die deutsche Wirtschaft sein.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Ich glaube, dass unsere Unternehmen sich gut auf die Entwicklungen durch Digitalisierung, Globalisierung und verändertes Verbraucherverhalten einstellen können – wenn man sie lässt. Sie brauchen keine Unternehmensberatung durch die Politik. Sie brauchen gute politische Rahmenbedingungen und ein investitionsfreundliches Klima. Woran mir sehr gelegen ist, das ist der Gründernachwuchs. Leiden heutige Unternehmen sehr unter Bürokratie, Kosten und Auflagen, dann wird es schwer, junge Menschen vom Weg in die Selbstständigkeit zu überzeugen. Bei allen Debatten um gute Arbeitsbedingungen sowie Löhne und Gehälter müssen wir uns immer vor Augen halten, dass dies gesunde Unternehmen voraussetzt.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
In einer sich verändernden Arbeitswelt bedarf es sicher zweierlei: der Weiterentwicklung bestehender und die Entwicklung neuer Berufsbilder. Aber auch hier gibt nicht die Politik den Weg vor, sondern die jeweiligen Branchen, vertreten durch Ihre Kammern, Innungen und Verbände. Grundsätzlich halte ich es für richtig, neue Trends perspektivisch auch in ein Berufsbild zu kleiden. Wer seinen Lebensunterhalt auf Grundlage von Zertifikaten und angelernten Tätigkeiten verdient, nicht aber in einem beurkundeten Beruf, dürfte sowohl beim Einkommen als auch im Krisenfall mehr zu kämpfen haben.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Das Paradoxe an der heutigen Zeit ist, dass unseren Kindern alle Wege offenstehen, diese aber gefühlt größere Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren und vor allem zu entscheiden. Das ist nicht zwangsläufig eine Frage der Herkunft. Ich sitze oft Neunt- oder Zehntklässlern gegenüber, die keine Vorstellung davon haben, wo Ihre Talente liegen, was ihre Interessen sind oder welche Berufe für sie in Frage kommen. Diese fehlende Neugier am eigenen Leben macht mich fassungslos. Der Wohlstand, in dem wir leben, trägt sicher dazu bei. Die institutionelle Förderung „abgehängter“ Jugendlicher ist in Deutschland sehr gut. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Herkunft nicht davor schützt, Leistung erbringen zu müssen, um Ziele zu erreichen. Fordern und Fördern sind die elementaren Prinzipien, die sich dabei bewährt haben.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Das mobile Arbeiten und die stärkere Durchführung digitaler Formate kann künftig eine größere Rolle einnehmen, auch aus Effizienz- und Kostengründen. Ich beobachte aber auch den starken Wunsch vieler Beschäftigter, an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Wertschöpfung, Kreativität und Motivation entstehen eben auch durch ein soziales Miteinander. Der Fachkräftebedarf wird vermutlich bleiben, da dieser Bereich nicht so stark von Arbeitslosigkeit betroffen ist und die Krise mittelfristig vorübergehen wird.


Jana Schimke, MdB
Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales
Mitglied im Vorstand der CDU/CSU Bundestagsfraktion

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Interview mit Dr. Hans-Peter Klös

29. März 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Die langanhaltende Einschränkung wirtschaftlicher Aktivitäten wirkt sich mittlerweile spürbar auf den Arbeitsmarkt aus. Das wesentliche Instrument, mit dem Betriebe ihrer gesunkenen Arbeitskräftenachfrage begegnen, bleibt die Arbeitszeitverkürzung, vor allem durch ein weiterhin hohes Niveau an Kurzarbeit. Dadurch konnten in der Spitze die Arbeitsplätze von drei Millionen Menschen gesichert und die Wirtschaft massiv stabilisiert werden. Unter anderem deshalb kommt es bisher nach wie vor selten zu Entlassungen.

Zunehmend schwierig ist hingegen die Lage bei Minijobs und Selbstständigen. Bei den Insolvenzen ist das Bild noch unklar: Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht hat bisher zu einer sinkenden Zahl von Unternehmensinsolvenzen geführt. Creditreform rechnet aber mit einer deutlichen Zunahme der Insolvenzen für die zweite Hälfte dieses Jahres und geht von einem Rückstau in Höhe von etwa 25.000 überwiegend kleinen Betrieben aus. Alles in allem sind binnen Jahresfrist inzwischen rund 750.000 Arbeitsplätze in der Gesamtwirtschaft verloren gegangen, die Arbeitslosigkeit ist hingegen nur um rund eine halbe Million gestiegen.

Der Arbeitsmarkt dürfte sich zwar in diesem Jahr etwas erholen, aber auf absehbare Zeit nicht das Vorkrisenniveau erreichen. Im Schnitt dürften 2021 2,8 Millionen Menschen arbeitslos sein. Der für Arbeitsuchende stark erschwerte Zugang in den Arbeitsmarkt verändert aber zunehmend die Struktur der Arbeitslosigkeit. Ein Grund dafür ist die derzeit geringe Einstellungsbereitschaft der Betriebe. Sorge bereitet daher vor allem die Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit. Der steigende Anteil der Langzeitarbeitslosen erschwert die schnelle Rückführung der Arbeitslosigkeit, weil diese nach allen Erfahrungen weit schwerer wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Deutschlands Abstand zu den internationalen digitalen „first movern“ ist eher größer als kleiner geworden. Der Reifegrad bei der Digitalisierung in Deutschland streut bisher noch erheblich nach Branchen. Im Business-to-Business-Segment hat Deutschland wohl noch einen Vorsprung, den es unbedingt zu sichern gilt. Dafür ist die Digitalisierung von „Industrie 4.0“ ein zentraler „Enabler“. Aber auch für die Bewältigung anderer „Megatrends“, wie z.B. die De-Karbonisierung, den demografischen Wandel ab Mitte dieses Jahrzehnts, eine mögliche pandemiebedingte De-Globalisierung und die Nachhaltigkeit in allen Bereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens setzt eine weitere Durchdringung unseres Lebens und Arbeitens mit digitalen Prozessen voraus.

Die Veränderung der Geschäftsmodelle, der Arbeitsorganisation und des Kompetenzerwerbs werden stärker und schneller Hand in Hand gehen müssen. Diese Anpassung wird weniger als zuvor zertifikatsgetrieben sein und lebenspfadabhängig erfolgen können, Geschwindigkeit wird noch wichtiger. Dies gilt inhaltlich, arbeitsorganisatorisch und prozessual. Hinsichtlich der Arbeitsmarktordnung ist eine deutlich stärkere Orientierung auf zentrale technologische Trends sowie auf veränderte Anforderungen an die Arbeitsorganisation erforderlich. Dies betrifft Arbeitszeiten, Arbeitsorte und Arbeitsinhalte.

Die betriebliche Personalpolitik wird digital „augmented“, KI-unterstützt und ist ein entscheidender „Change Agent“. Der Bedarf an qualitativer Tarifpolitik zur Gestaltung des Wandels dürfte weiter zunehmen. Die disruptive Kraft der technologischen Dynamik erfordert die Reform von Inhalten und Methoden der Ausbildung sowie eine Weiterentwicklung der existierenden Ausbildungs- und Weiterbildungsstrukturen, die künftig stärker im Sinne von Karrierepfaden und Berufslaufbahnkonzepten noch enger miteinander verzahnt werden.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Die duale Ausbildung steht ohne Zweifel durch sich digitalisierungsbedingt verändernde Geschäftsmodelle, eine höhere Studierneigung und die Corona-Pandemie unter Druck. Eine entscheidende Anforderung innerhalb des Systems der Berufsausbildung wird es sein, zum einen die Qualifikationsprofile noch flexibler zu machen, etwa in Form von Zusatzqualifikationen, Wahlqualifikationen oder betrieblichen Einsatzfeldern in mehr Berufen, die laufend angepasst, ergänzt oder erweitert werden können. Zum anderen sind die Fort- und Weiterbildungsangebote flexibel zu erweitern und damit verbundene Optionen zur beruflichen Profilierung und zu spezifischen fachlichen Karrierepfaden transparenter zu machen.

Die Art des betrieblichen Lernens dürfte sich unter dem Eindruck einer beschleunigten Digitalisierung weiter verändern. Für die Arbeit relevantes Wissen ist für alle Mitarbeiter digital verfügbar. Der Arbeitsplatz wird zum formalen Lernort. Die Wissensvermittlung findet überwiegend nicht mehr im „Klassenzimmer“ statt, sondern vor Ort im direkten Arbeitskontext. Micro Learning mit digitalen Medien gewinnt an Bedeutung. Präsenzlernen reduziert sich, bleibt aber wichtig zum Üben, Ausprobieren und Anwenden. Peer to Peer-Lernen wird als Methode wichtiger und muss organisiert werden. Digitalisierung ist aber kein einfaches Ersetzen von Präsenzseminaren durch E-Learning.

Die Weiterbildung wird individueller und vielfältiger werden und muss flexibler und schneller auf veränderte Bedarfe reagieren können. Viele Unternehmen und Beschäftigte haben derzeit einen hohen Orientierungs- und Beratungsbedarf bezüglich der Inhalte und der Lernmedien. Es ist schwer zu definieren, welche Kompetenzen in Zukunft benötigt werden. Aus- und Weiterbildner sowie Lehrkräfte brauchen daher umso mehr passgenaue Weiterbildungsangebote für den digitalen Wandel. Das Weiterbildungsengagement der Unternehmen steigt kontinuierlich.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Deutschland ist bisher stets ein Land mit geringer Jugendarbeitslosigkeit gewesen. Damit das auch trotz und nach der Pandemie so bleibt, verdient vor allem die Entwicklung am Ausbildungsmarkt ein besonderes Augenmerk, denn eine berufliche Ausbildung ist bisher noch immer der beste Weg zur Arbeitsmarktintegration für Jugendliche. Die Corona-Pandemie hat aber die Vermittlung auf dem Ausbildungsmarkt im Beratungsjahr 2019/20 deutlich beeinträchtigt und die Ausgleichsprozesse verlangsamt. Dadurch ist die Situation auf dem Ausbildungsmarkt herausfordernd: Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge fiel 2020 um 57.600 bzw. 11,0 Prozent niedriger aus als ein Jahr zuvor (2019: 525.000).

Mit Blick auf das neue Ausbildungsjahr 2020/2021 hat die diagnostische Unsicherheit noch einmal deutlich zugenommen: Offen ist derzeit zum Beispiel, inwiefern durch Kurzarbeit oder Insolvenzen noch mit Ausbildungsabbrüchen oder -unterbrechungen gerechnet werden muss, die Übernahme durch den Ausbildungsbetrieb nicht möglich ist oder die Ausbildung beim bisherigen Betrieb nicht fortgeführt werden kann. Schließlich muss auch damit gerechnet werden, dass wegen weiterhin eingeschränkten Wirtschaftsaktivität gerade in Branchen mit hohen Ausbildungsquoten die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Jahr 2021 noch einmal zusätzlich gedämpft werden dürfte.

Umso wichtiger sind daher die Maßnahmen, die im Rahmen der Allianz für Ausbildung ergriffen wurden: Das verlängerte und fortentwickelte Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ wird in einer ganzen Reihe von Punkten verbessert, etwa durch die Verdopplung der Höhe der Ausbildungsprämien für das kommende Ausbildungsjahr 2021/2022, die Erweiterung des Zuschusses zur Verhinderung von Kurzarbeit während der Ausbildung, die Einführung eines einmaligen Sonderzuschusses für Kleinstbetriebe bis zu vier Mitarbeitern, die Erweiterung der Übernahmeprämie auf Fälle der Kündigung aus wichtigem pandemiebedingten Grund und die Öffnung der Förderleistungen für KMU mit bis zu 499 Beschäftigten (bislang 249) Beschäftigten.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Durch die zunehmenden und verstärkt verfügbaren technischen Möglichkeiten werden einerseits neue Arbeitsplätze und Berufe geschaffen, andererseits werden aber auch zahlreiche Arbeitsplätze verloren gehen. Insgesamt dürfte die Digitalisierung insgesamt einen neutralen bis positiven Effekt auf das quantitative Niveau an Beschäftigung haben. Eine große gesellschaftliche Aufgabe besteht aber auch darin, den durch die Digitalisierung und zusätzlich durch die De-Karbonisierung ausgelösten Veränderungs- und Transformationsprozess so zu gestalten, dass Chancen genutzt und Risiken bestmöglich reduziert werden können.

Der demografisch bedingt zunehmende Fachkräftebedarf wird nach der Pandemie den deutschen Arbeitsmarkt wieder stärker dominieren. Mit der Qualifizierung ihrer Beschäftigten und der Ausbildung des eigenen Fachkräftenachwuchses können und müssen die Betriebe dem begegnen. Im Bereich der beruflichen Weiterbildung hat sich die Corona-Krise bereits als Trendbeschleuniger erwiesen. Absehbar ist, dass Kompetenzen zur Gestaltung des digitalen Wandels künftig in allen Branchen und Berufen eine wichtige Rolle spielen werden und dabei sowohl agile Arbeitsformen wie die Zusammenarbeit mit autonomen Systemen der Künstlichen Intelligenz zunehmend zum Arbeitsalltag gehören werden.

Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass sich an die Stelle klassischer Wertschöpfungsketten branchenübergreifende Wertschöpfungsnetze herausbilden werden, die eine neue Form von Querschnittsberufen oder Querschnittskompetenzen erforderlich machen werden. Für Erwerbsformen wie freie Mitarbeiter, Crowdworker und Clickworker, die in einer digitalen Ökonomie vermehrt auftreten dürften und auch auf Plattformen vermittelt werden können, ergeben sich veränderte Qualifizierungserfordernisse, wie zum Beispiel selbstgesteuertes Zeitmanagement, Selbstmarketing, Kundenakquise, Datenanalysen und -recherchen. Nie zuvor war daher die betriebliche Personalpolitik stärker gefordert als in der jetzigen digitalen Transformation.

Dr. Hans-Peter Klös
Geschäftsführer und Leiter Wissenschaft
Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.
kloes@iwkoeln.de

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Interview mit Johannes Vogel, MdB

8. März 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Auch auf dem Arbeitsmarkt spüren wir natürlich die Krise, aber insbesondere dank des Kurzarbeitergeldes konnten wir erheblich schwerere Einbrüche abfedern. Dafür hat die GroKo aber beispielsweise Selbstständige (ohne Angestellte) vollkommen im Stich gelassen. Wir müssen nun dafür sorgen, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften nach der Krise schnellstmöglich steigt.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Das mobile Arbeiten auch im Homeoffice dominiert natürlich die Debatte, weil es eine große, chancenreiche Veränderung ist. Für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und beispielsweise auch das Klima. Wichtig ist, dass wir für diese Veränderung auch einen modernen Rechtsrahmen schaffen: Mit einem modernen Rechtsrahmen nach niederländischem Vorbild und einem neuen Arbeitszeitgesetz, das mehr flexible Einteilung der Arbeitszeit unter der Woche ermöglicht. Nur wenn wir ein Mehr an örtlichen und zeitlichen Freiheiten kombinieren, nutzen wir die Chancen ideal.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Neue Ausbildungsberufe und Qualifikationen entstehen ja regelmäßig und das ist gut so. Von einem dynamischen Arbeitsmarkt, der immer neue Berufe und Möglichkeiten für Talente hervorbringt, profitiert die Wirtschaft und damit das gesamte Land.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Wir brauchen vor allem mehr neue Jobs und einen Arbeitsmarkt, der niedrige Einstiegshürden offenbart. Nicht für alle Menschen wird es sofort neue lukrative Vollzeit-Jobs geben, daher ist es gut, wenn wir allen eine Leiter für den sozialen Aufstieg bauen. Ein zweiter wichtiger Baustein ist aber natürlich auch die Bildung. In Deutschland gilt noch immer die Norm, dass Bildung mit der Ausbildung oder dem Studium ende. Wir brauchen aber ein zweites Bildungssystem für das ganze Leben, damit lebenslanges Lernen zur Normalität wird.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Natürlich gerade im Bereich Homeoffice gibt es viele Veränderungen. Diese Veränderungen nun zu Verbesserungen im alltäglichen Leben für möglichst viele zu machen, ist eine der wichtigen anstehenden politischen Aufgaben mit den oben angesprochenen Schritten.

Johannes Vogel MdB
Sprecher für Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik der FDP-Bundestagsfraktion
Generalsekretär der Freien Demokraten NRW

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