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Interview mit Nicole Truchseß

7. Juni 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Sehr unterschiedlich. In einigen Bereichen und Branchen kann man ganz klar eine stetige, wenn nicht sogar eine erhöhte Nachfrage nach Personal erkennen. Gerade im IT- Umfeld, in der Logistik oder auch im Sales sind viele Stellen unbesetzt. In anderen Branchen wie bei Automobilzulieferern, gerade auch im Mittelstand, gestaltet sich die Situation ganz anders.

Selbst in der Personaldienstleistungsbranche zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Die Unternehmen entwickeln sich auch hier unterschiedlich, obwohl sie auf die gleichen Berufsbilder spezialisiert sind und/oder sogar in der gleichen Region tätig sind.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Das Streben nach lebenslangem Lernen, Neugierde und ein entsprechendes Mindset sind entscheidend, damit man der verändernden Arbeitswelt positiv und erfolgreich begegnen kann. Daher stehen meiner Meinung nach die Themen Persönlichkeitsentwicklung und Potentialentfaltung  im Vordergrund.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Wir benötigen vor allem ein anderes Schulsystem und eine größere Bereitschaft der Unternehmen, mehr nach Verhalten, Talenten und Potentialen einzustellen anstatt nach Qualifikationen. Auch hier ist generell eine größere Flexibilität und vor allem auch Schnelligkeit gefragt, auf die sich verändernden Berufsbilder zu reagieren. Und ja, aus meiner Sicht sollten neue Ausbildungsberufe entstehen und alte überprüft und modernisiert werden.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

In erster Linie müssen grundsätzlich wieder mehr Ausbildungsplätze angeboten werden. Diese wurden aufgrund der Corona Pandemie für 2020/2021 stark reduziert.

Ich bin mir sicher, dass auch hier die Personaldienstleistungsbranche gemeinsam mit ihren Kundenbetrieben viel bewegen und in entsprechenden Projekten vielen Jugendlichen eine Chance, Sichtbarkeit und Stimme geben kann. Und es muss endlich mehr investiert werden, wenn es um das Thema Digitalisierung an den Schulen geht, dann gibt es auch weniger „Abgehängte“.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Natürlich hat die Corona Pandemie zu einem Change in der Arbeitswelt geführt. Am Ende war es jedoch vor allem die Geschwindigkeit, mit der die zu erwartenden Änderungen eingetreten sind. Zum einen darf jetzt nicht der Fehler begangen werden, die positiven Entwicklungen wieder zu stoppen und in alte Muster zu verfallen. Sowohl in der Rekrutierung als auch in der Ausbildung. Zum anderen darf bei aller Digitalisierung eine emotional intelligente Kommunikation mit den Fachkräften nicht vergessen werden. Im Innen- wie auch im Außenverhältnis. Denn gute Fachkräfte suchen sich nach wie vor ihr Unternehmen aus- nicht andersrum.

Und sie wünschen sich einen wertschätzenden und individuellen Umgang. Die Digitalisierung kann dabei helfen, Standardabläufe zu automatisieren und die Prozessabläufe zu beschleunigen, um am Ende mehr Zeit für den persönlichen Kontakt zu haben.

Fotografin: Christina Stihler

Nicole Truchseß
Geschäftsführerin Truchseß & Brandl GmbH

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Interview mit Prof. Dr. Katja Görlitz

2. Juni 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Im Lockdown war eine Unterauslastung der wirtschaftlichen Kapazitäten zu beobachten, so dass in den betroffenen Branchen weniger Produkte und Dienstleistungen verkauft wurden, wodurch weniger Arbeitskräfte benötigt wurden, die sich deshalb vor allem in Kurzarbeit oder zu einem geringeren Anteil auch in Arbeitslosigkeit befanden. Nach den Wiedereröffnungen wird sich die Wirtschaft wieder beleben, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit werden zurückgehen.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
In der sich verändernden Arbeitswelt spielt Weiterbildung eine wichtige Rolle. Empirisch zeigt sich, dass Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder einem Studium häufiger an Weiterbildung teilnehmen und darüber die Aktualisierung der Fähigkeiten und des Wissens gelingen kann. Vor diesem Hintergrund wäre es ratsam, alle Jugendliche mit einer soliden Schul- und Berufsausbildung auszustatten. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben es Personen mit keiner oder geringerer Schul- und Berufsbildung ohnehin schwerer als höher Qualifizierte, Arbeit zu bekommen und zu behalten.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Meiner Meinung nach ist das deutsche Berufsbildungssystem sowohl sehr stark ausdifferenziert als auch hinreichend flexibel, um auf die Veränderungen in der Arbeitswelt zu reagieren. Manchmal fällt es Jugendlichen aber schwer, die richtige Wahl zu treffen. Eine verbesserte Beratung, die es den Jugendlichen ermöglicht die Berufe und Berufsfelder zu erkennen, die zu ihren Talenten, Fähigkeiten und Vorlieben passt, könnte deshalb zu weniger Ausbildungsabbrüchen führen.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Ich wünschte, diese Frage würde häufiger gestellt und stärker politisch priorisiert werden. Das ist aber keine Aufgabe des Arbeitsmarktes, sondern vor allem der Schule.
Insgesamt muss die Qualität des Schulwesens im Grundschulbereich, aber auch auf den weiterführenden Schulformen erhöht werden. Individuelle Bildungslücken müssen frühzeitig erkannt und durch geeignete Förderung abgebaut werden. Dies sollte in der Schule und nicht durch private Nachhilfe geschehen, denn nicht alle Eltern können sich Nachhilfe auch finanziell leisten.
Um zu verhindern, dass bereits große Bildungsunterschiede zwischen Kindern bei Schuleintritt bestehen, ist auch eine Intensivierung der frühkindlichen Bildung in den Kitas empfehlenswert, wobei insbesondere die Sprachentwicklung für Kinder ohne deutsche Muttersprache in den Fokus genommen werden sollte. Ohne ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache ist es Kindern nur schwer möglich, dem Schulunterricht aktiv zu folgen. In großen Betrieben mit eigenen Kinderbetreuungseinrichtungen könnte dazu auch von Unternehmensseite her ein Beitrag geleistet werden.
Zuletzt können die Lehrkräfte an den Schulen und Berufsschulen einiges bewirken, wenn sie es als ihre vorrangige Aufgabe sehen, Bildungsdefizite in der Schülerschaft abzubauen bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen. Dafür ist es notwendig, den Kompetenzerwerb aller Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt zu stellen und nicht so sehr auf die Zertifizierung vorhandener Fähigkeiten durch Noten abzuzielen. Die Lehrkräfte könnten in dieser wichtigen Aufgabe unterstützt werden, indem sie selbst Weiterbildungsangebote erhielten, die geeignete Möglichkeiten zur Prävention und zum Abbau von Bildungslücken ihrer Schülerinnen und Schüler aufzeigen.

Prof. Dr. Katja Görlitz
Professorin an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit,
Professorin für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Arbeitsmarktökonomik und -politik

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Interview mit Univ.-Prof. Dr. Lutz Bellmann

31. Mai 2021

1. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt ein?

Angesichts der starken wirtschaftlichen Probleme aufgrund der Pandemie hat sich der Arbeitsmarkt alles in allem robust gezeigt. Aber natürlich hat die Krise Spuren hinterlassen: Das Niveau der Arbeitslosigkeit hat sich seit Beginn der Pandemie um über eine halbe Million erhöht, die Kurzarbeit ist etwa halb so hoch wie zu dem Höchstwert während des ersten Lockdowns im letzten Jahr.

2. Welcher Bereich in der sich verändernden Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Neben Fragen der Zeitarbeit sowie den Auswirkungen des technisch-organisatorischen Wandels interessiert mich besonders die betriebliche Bildung. Betriebliche  Aus- und Weiterbildung ist wichtiger denn je. Ihr gilt daher auch mein besonderes Augenmerk.

3. Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Die Einführung digitaler Anwendungen und Technologien wird die Berufslandschaft verändern. Neben fachlichen werden auch überfachliche Kompetenzen an Bedeutung gewinnen. Es werden auch neue Ausbildungsberufe entstehen, vor allem aber werden sich bestehende Ausbildungsberufe weiterentwickeln.

4. Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen; insbesondere die „Abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist im Jahr 2020 auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gefallen. Auch für das nächste Ausbildungsjahr gaben viele Betriebe in der IAB-Betriebsbefragung „Betriebe in der Covid-19-Krise“ an, dass sie ihr Angebot an Ausbildungsstellen einschränken oder ganz darauf verzichten werden. Bereits im Sommer letzten Jahres hat die Bundesregierung ein Förderprogramm für Betriebe aufgelegt, die ihr Ausbildungsangebot aufrechterhalten oder sogar ausbauen. Das ging in die richtige Richtung, war aber noch zu zaghaft ausgestaltet. Mittlerweile hat die Bundesregierung glücklicherweise die Förderkonditionen großzügiger gestaltet. Darüber hinaus sollten Jugendliche, die in diesem Jahr keinen Ausbildungsplatz bekommen haben, sollten die Übergangszeit sinnvoll nutzen, um sich beruflich zu orientieren und erste Praxiserfahrungen zu sammeln. Wenn jetzt die Corona-Neuinfektionen weiter sinken und der Impffortschritt hoffentlich auch ein Wiederansteigen verhindern wird, können wieder betriebliche Praktika und Ausbildungsmessen als Präsenzveranstaltungen stattfinden. Beides wäre wichtig, um die Jugendlichen und die Betriebe zusammenzubringen,

5a. Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt?

Die Digitalisierung wurde durch die Corona-Pandemie in vielen Bereichen beschleunigt und führt zu dauerhaften Veränderungen in der Arbeitswelt und in den Arbeitsbeziehungen. Mit der Flexibilisierung von Arbeitsort und Arbeitszeit können die Betriebe, den Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden, aber auch die Mitarbeitenden zu unterstützen, die sich eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wünschen.

5b. Wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Durch die Kontaktbeschränkungen, finanzielle Schwierigkeiten der Betriebe und unsichere Geschäftserwartungen ging das Angebot und die Nachfrage nach betrieblicher Aus- und Weiterbildung zurück. Es ist deshalb zu befürchten, dass die Betriebe zukünftig noch größere Schwierigkeiten bei der Sicherung des Fachkräftebedarfs haben werden.

Bildquelle: IAB

Univ.-Prof. Dr. Lutz Bellmann 
Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbes. Arbeitsökonomie
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 
und Leiter des Forschungsbereichs Betriebe und Beschäftigung 
Leiter des IAB-Betriebspanels

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Interview mit Sarna Röser

12. Mai 2021

Wie schätzen sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Im Moment wird der Arbeitsmarkt durch viel Geld gestützt. Da ist in erster Linie die Ausweitung der Kurzarbeitergeld-Regelung zu nennen, die viele Beschäftigte trotz Krise in den Betrieben hält. Dennoch schlägt langsam aber sicher die Krise auch auf dem Arbeitsmarkt durch. Insbesondere der Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit sollte uns Sorgen bereiten.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Es sind die Menschen ohne Beschäftigung und die Geringqualifizierten, auf die wir einen besonderen Fokus richten sollten. Sie haben es zum einen in der jetzigen Pandemie schwer, in Beschäftigung zu bleiben oder in diese zu kommen. Anderseits drohen sie durch die Digitalisierung der Arbeitswelt den Anschluss zu verlieren. Hier ist Qualifizierung und Weiterbildung gefragt.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Auch die Ausbildung wird sich durch die Digitalisierung der Arbeitswelt zwangsläufig weiterentwickeln. Darauf müssen wir Antworten finden. Ähnlich wie bei den normalen Schulen ist auch in den Berufsschulen die Digitalisierung ausbaufähig. Das gilt sowohl für die Hardware, als auch für die Lehrpläne und die Kompetenzen der Lehrkräfte.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendliche mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Dafür benötigen wir einen Arbeitsmarkt mit hoher Flexibilität und Durchlässigkeit. Aus meiner Sicht müssen wir aber schon viel früher in den Bildungseinrichtungen ansetzen. Hier werden die Weichen für den späteren Berufsweg gestellt. Es kann nicht sein, dass wir pro Jahr noch immer rund 50.000 Schulabgänger ohne Schulabschluss haben. Steuern wir hier nicht gegen, sind Biografien mit dauerhafter staatlicher Alimentierung vorprogrammiert.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Die Digitalisierung der Arbeitswelt hat sich durch die Pandemie erheblich beschleunigt. Schon allein, was die Wirtschaft mittlerweile an Home-Office-Arbeitsplätzen anbietet. Diese Entwicklung sollten wir mit intelligenten gesetzlichen Lösungen unterstützen. Bspw. mit einer Reform des Arbeitszeitgesetzes. Auf keinen Fall sollte der Gesetzgeber aber die Digitalisierung der Arbeitswelt mit zusätzlicher Bürokratie versehen. Darüber hinaus bin ich mir sicher, dass nach der Pandemie das Thema „Fachkräftesicherung“ wieder hoch im Kurs stehen wird. Perspektivisch sind die Unternehmen auf hochqualifizierte Mitarbeiter angewiesen.

© DIE JUNGEN UNTERNEHMER / Anne Grossmann Fotografie

Sarna Röser
Bundesvorsitzende des Verbands DIE JUNGEN UNTERNEHMER

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Interview mit Sebastian Lazay

5. Mai 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Der deutsche Arbeitsmarkt hat die Corona-Pandemie bisher relativ unbeschadet überstanden. 2020 ist die Zahl der Erwerbstätigen „nur“ um 0,9 Prozent auf 44,9 Millionen Personen gesunken. Dieses Jahr wird die Erwerbstätigenzahl nach den aktuellen Voraussagen der Wirtschaftsinstitute schon wieder leicht steigen. Auch für die Zeitarbeit, die zwei Jahre in Folge Beschäftigungsverluste hinnehmen musste, sieht es wieder besser aus. Viel hängt aber davon ab, wann wir die Pandemie in Europa endlich in den Griff bekommen und wie schnell sich die Wirtschaft davon erholen kann.

Es gibt aber auch Tendenzen, die bedenklich stimmen. Das gilt insbesondere für die Entwicklung bei der Langzeitarbeitslosigkeit, die während der Corona-Pandemie wieder stark gestiegen ist. Das hat zwei entscheidende Gründe: Zum einen sind vor allem im Bereich der geringqualifizierten Beschäftigung sehr viele Stellen weggefallen – nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern viele davon dauerhaft. Zum anderen sind die Unternehmen aufgrund der unsicheren Lage immer noch vorsichtig bei Neueinstellungen. Dadurch rutschen viele, die gleich zu Beginn der Corona-Pandemie ihren Job verloren haben, jetzt in die Langzeitarbeitslosigkeit, die laut Definition nach 12 Monaten ohne Arbeit beginnt. Angesichts dieser Tendenzen wäre es mehr als fatal, wenn Zeitarbeit und befristete Arbeitsverhältnisse noch weiter eingeschränkt würden, denn sie sind bewährte und gut funktionierende Einstiegsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt.

Welcher Bereich in der sich verändernden Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Nach meiner Einschätzung ist der wichtigste Faktor für die Arbeitswelt von morgen die Digitalisierung mit allen ihren Folgen – die wir aktuell noch nicht einmal zur Gänze abschätzen können. Die technologische Entwicklung ist rasant und wird sich immer weiter beschleunigen, so dass sich selbst die Wissenschaft nicht einig darüber ist, wie sehr die fortschreitende Digitalisierung die Arbeitswelt „umkrempeln“ wird. Manche Szenarien, insbesondere aus angelsächsischen Ländern, gehen von einem massiven Wegfall von Arbeitsplätzen aus, andere rechnen dagegen mit mehr, allerdings qualifizierteren Jobs, einige vermuten ein Nullsummenspiel und Utopisten glauben, dass wir irgendwann gar nicht mehr arbeiten werden, weil Roboter und Künstliche Intelligenz diese Aufgabe übernehmen. Unklar ist auch, auf welche Arbeitsplätze in absehbarer Zeit KI und Robotik Auswirkungen haben werden, wobei sich die Tendenz abzeichnet, dass es vor allem Stellen im mittleren Qualifizierungsbereich sein werden. Und genauso wenig kann jemand wirklich konkret sagen, welche Kompetenzen gebraucht werden, um künftig am Arbeitsmarkt bestehen zu können, obwohl alle von der Notwendigkeit der Weiterqualifizierung sprechen.

Allerdings könnte die Digitalisierung auch hilfreich sein bei dem großen Problem der Fachkräfteengpässe. Fehlende Fachkräfte könnten die wirtschaftliche Entwicklung der betroffenen Unternehmen und Institutionen so stark einschränken, dass auch das Arbeitsplatzangebot für Unqualifizierte nicht wachsen kann oder sogar weiter zurückgeht. Es kommt also zu einer negativen Rückkopplung. Deshalb wird Qualifizierung ein immens wichtiges Thema werden, um den Arbeitsplatzmangel in den Bereichen der wenig Qualifizierten und den Arbeitskräftemangel in den Bereichen der Qualifizierten abzumildern.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Ja und nein. Momentan bereitet mir der Zustand der dualen Ausbildung Sorge. In der Krise bilden immer weniger Unternehmen aus. Das wird zu einem Boomerang für den Arbeitsmarkt und die Unternehmen. Es fehlen uns ohnehin schon qualifizierte Bewerber. Die Reduktion der Ausbildungsplätze verschärft die Situation in der Zukunft. Wir müssen also zunächst einmal das System der dualen Ausbildung stabilisieren und uns um die jungen Menschen kümmern, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben.

Und dann müssen wir uns natürlich auch ansehen, wie sich die fortschreitende Digitalisierung auf Berufsbilder auswirkt, um entsprechende Anpassungen bei der Ausbildung vornehmen zu können. Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat damit bereits angefangen, denn in der nächsten Zeit werden nicht ganze Berufe wegfallen, sondern die Tätigkeiten innerhalb eines Berufsbildes werden sich ändern. Die Digitalisierung hat ja auch nicht die Fotografie verschwinden lassen, nur wird heute eben digital und nicht mehr analog fotografiert – mit der Folge, dass es die Dunkelkammer nicht mehr braucht, aber dafür Kenntnisse beispielsweise in der digitalen Bildbearbeitung und -archivierung.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Fatal wäre – wie bereits gesagt – die weitere Beschränkung flexibler Beschäftigungsformen wie Zeitarbeit und Befristungen, denn sie bieten Einstiegsmöglichkeiten. Wichtig ist auch, dass unser Arbeitsmarkt lernen muss, besser mit „Nicht-Standard-Lebensläufen“ umzugehen. Der Standard-Lebenslauf – Schule, Ausbildung, Beruf – ist zwar immer noch die Norm, aber es gibt immer mehr Menschen, die nicht in dieses Schema passen. In Deutschland sind wir sehr fixiert auf formale Abschlüsse. Ein allgemein anerkannter Nachweis über eine Qualifikation hat viele Vorteile. Wenn zum Beispiel jemand einen Abschluss als KFZ-Mechatroniker hat, dann kann ein Arbeitgeber davon ausgehen, dass er in einer Kfz-Werkstatt qualifizierte Arbeiten ausführen kann. Es gibt aber auch Menschen, die diese Arbeiten ausführen können und keinen Abschluss haben. Zum Beispiel weil sie im Ausland, wo es kein vergleichbares Ausbildungssystem gibt, gelernt haben oder weil sie hierzulande mehrere Jahre ohne Abschluss in einer Kfz-Werkstatt gearbeitet haben.

Die Fixierung auf formale Abschlüsse hat leider auch dazu geführt, dass sogenannte Teilqualifikationen immer noch nicht die Anerkennung bekommen, die sie eigentlich verdienen. Sie sind einerseits ein Instrument, mit denen die erreichten praktischen Fertigkeiten um theoretische Kenntnisse ergänzt und vor allem auch dokumentiert werden können. Andererseits können Teilqualifikationen gerade auch für Jugendliche ohne Berufsabschluss der Einstieg in eine Ausbildung sein, der im besten Fall sogar mit einem anerkannten Abschluss, der Externenprüfung bei den Kammern, endet.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Durch Corona ist die deutsche Arbeitswelt viel digitaler geworden. Meetings finden virtuell, Arbeit im Homeoffice statt und selbst Großveranstaltungen sind digital möglich. Sogar das Angebot einer digitalen Kinderbetreuung für Eltern in virtuellen Events habe ich inzwischen gesehen. Das alles wäre vor der Corona-Pandemie undenkbar gewesen und wird sich auch nicht mehr vollständig zurückdrehen lassen. Das wird Auswirkungen auf die in Deutschland verbreitete Präsenzkultur haben und erfordert auch einen anderen Führungsstil. Ich persönlich halte diese Entwicklung aber für positiv, weil sie Freiräume sowohl für Unternehmen als auch für Arbeitnehmer*innen schafft, die kreativ genutzt werden können. Nebenbei bemerkt, hat die Corona-Krise aber auch die strukturellen Defizite Deutschlands schonungslos aufgedeckt. Wenn wir nicht bereit sind, von unserem hohen Ross herunterzukommen, werden wir irgendwann die Werkbank der USA und Asiens sein.

Beim Fachkräftebedarf gehe ich davon aus, dass sich Engpässe in den nächsten Jahren verschärfen werden. Das liegt vor allem am demografischen Wandel: Die Generation der Babyboomer wird peu á peu in den nächsten Jahren in Rente gehen und eine Lücke hinterlassen, die nicht durch die nachkommenden Generationen geschlossen werden kann. Das heißt, wir sind auf jeden Fall auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen, auch wenn die Digitalisierung vielleicht an der einen oder anderen Stelle Entlastung bieten wird. Deswegen kann ich nur eindringlich an die Politik appellieren, das Fachkräfteeinwanderungsgesetz auch für die Zeitarbeit zu öffnen. Wir sind die Personalexperten und könnten deswegen die deutsche Wirtschaft dabei unterstützen, benötigte Fachkräfte ins Land zu holen.

 Foto: Steffen Jänicke

Sebastian Lazay
BAP-Präsident
Geschäftsführer Extra Team GmbH

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Interview mit Dr. Peter Jeutter

28. April 2021

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Im Vordergrund steht die weitere Digitalisierung. Ohne sie wird der notwendige tiefgreifende Strukturwandel in der Wirtschaft mit neuen Geschäftsfeldern und neuen Strukturen nicht möglich sein, übrigens ebenso wenig ohne die Digitalisierung des Öffentlichen Dienstes. Nur so sind die vor uns liegenden Herausforderungen zu bewältigen.
Was sind die Folgen? In Zukunft wird sich mehr als jeder zweite Arbeitsplatz in Deutschland laut OECD-Prognosen in den kommenden 15 Jahren durch die Digitalisierung stark verändern oder ganz wegfallen. Neue werden entstehen.
Die Arbeitswelt der Zukunft wird in vielen Bereichen auf absehbare Zeit durch eine nicht nur coronabedingte Unsicherheit geprägt sein: bei Unternehmen, Selbständigen und natürlich auch bei vielen Arbeitnehmern, die einen neuen Arbeitsalltag werden akzeptieren müssen.
Die andauernde, durch Digitalisierung und Automatisierung getriebene Wirtschaftstransformation sowie der Strukturwandel in der Welt der Arbeit sind gekennzeichnet durch den Rückgang langfristiger Beschäftigungs¬verhältnisse, durch neue Tätigkeitsprofile, andere Organisationsformen (Homeoffice), neue Führungs¬modelle und anderes mehr. Dadurch ergeben sich Handlungs- und Gestaltungsspielräume für Menschen und Organisationen.

Was ergibt sich daraus?
Mehr als heute werden auf dem Arbeitsmarkt bestimmte Kompetenzen gefragt sein, wie:

  • digitale Kompetenzen,
  • Kundenorientierung
  • Flexibilität,
  • Teamfähigkeit
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Eigeninitiative und -verantwortung,
  • Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit.

Dies wird nur gelingen, wenn es neue Zugangsmöglichkeiten für Kompetenzerwerb gibt. Die große Aufgabe wird sein, Menschen künftig beschäftigungsfähig zu machen bzw. diese Fähigkeit zu erhalten.
Ein besonderes Thema wird auch die zunehmende Plattformwirtschaft mit vielen freiberuflich Tätigen sein – mit all den noch ungewissen Auswirkungen auf Sozial- und Bildungssysteme.
Die Herausforderung für Arbeitgeber wird sein, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden und auf deren Erwartungen einzugehen. Attraktive Arbeitgeber werden sich stärker als bisher um das Wohlbefinden der Menschen kümmern (Gesundheit, Work-Life-Balance).

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Natürlich brauchen wir das: Jobprofile verändern sich, neue Berufe mit neuen Kompetenzanforderungen entstehen. Digitale Kompetenzen werden quer durch alle Berufe immer wichtiger, ebenso die bereits genannten Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit, Flexibilität, Kommunikations- und Teamfähigkeit, Eigeninitiative und -verantwortung sowie nicht zuletzt Kundenorientierung.
Dem gegenüber steht in Deutschland eine (zu) stark formalisierte Bildungslandschaft, die nicht selten von der Vergangenheit geprägt ist. Klar ist: Die bisherige formale Bildung kann mit den gegenwärtigen und künftigen Anforderungen der Arbeitswelt nicht Schritt halten. Wir brauchen zum einen moderne Ausbildungskonzepte nicht nur für die neu entstehenden Berufsbilder etwa in der IT-Branche oder der Automati¬sierungstechnik oder im gesamten Umweltbereich. Wir brauchen sie aber auch für nicht branchentypische Berufe und Tätigkeiten. Dies kann nur gelingen, wenn alle Möglichkeiten der Digitalisierung von Aus- und Weiter¬bildung genutzt werden und entsprechende digitale Konzepte auf funktionierenden Lernplattformen entwickelt, erprobt und eingesetzt werden. Und was die Berufsbilder anbetrifft: Sie können nicht alleiniges Ausbildungsziel sein, sondern müssen zugunsten von Themenfeldern wie z. B. Technologie erweitert werden. Und immer wichtiger werden die überfachlichen Kompetenzen.
Für bestimmte, z. B. nicht branchentypische Berufe und Tätigkeiten benötigen wir mehr und mehr modulare, auch kleinteilige Bildungsinhalte. Eine Modularisierung der Ausbildung hätte auch die Anerkennung von Teilzeitqualifikationen zur Folge. Und für bestimmte Tätigkeiten sollte auch Erfahrungswissen dokumentiert werden, um Beschäftigungsfähigkeit erhalten zu können.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Unsicherheit bei vielen Unternehmen, Selbständigen und Arbeitnehmern, zurückgestellte Investitionen, Zunahme der Arbeitslosigkeit, Verlust vieler Minijobs, Ungewissheit über die berufliche Zukunft, Existenzangst in vielen Branchen – Tourismus, Gastronomie, Einzelhandel, Kultur usw. –, das sind die Stichworte.
Trotzdem kann man derzeit von einer robusten Arbeitsmarktentwicklung sprechen, nicht zuletzt wegen der weiterhin erfreulich guten Exportaussichten für Industrie und Dienstleistungen.
Aber: Auch wenn die coronabedingten Auswirkungen auf den Arbeits¬markt zurzeit nicht so stark sind, wie von manchen befürchtet, so hängt doch viel davon ab, wie und wann wir die Pandemie überwinden. Viele Unternehmen mussten sich bislang auf ihre Existenzsicherung konzentrieren, manch geplante Investition musste ganz aufgegeben werden und die betriebliche Weiterbildung wurde z. T. erheblich eingeschränkt oder ganz zurückgefahren.
Bleiben wird auf längere Zeit eine gewisse Planungsunsicherheit und eine geringere Risikobereitschaft in Unternehmen, aber auch bei den Beschäftigen. Wenn die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ausläuft, wird eine Welle von Insolvenzen erwartet – Fachleute rechnen mit ca. 25.000. Auch wenn dies überwiegend kleine und mittlere Unternehmen betrifft, wird die Auswirkung auf den Arbeitsmarkt nicht unerheblich sein.
Die mittelfristige Entwicklung wird natürlich auch davon abhängig sein, ob und wann die bekannten strukturellen Probleme der Bundesrepublik überwunden werden können: schlechte Infrastruktur im Digitalbereich und bei den Verkehrswegen, zu hohe Energiekosten, Überregulierung mit zu viel Bürokratie zusammen mit einer unflexiblen Verwaltung, zu hohe Steuern und Abgaben. Jedweder Fortschritt auf diesen Gebieten wird sich positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken.
Deshalb: Der erhoffte Aufbruch für eine zukünftig international wettbewerbsfähige deutsche Wirtschaft – gute Chancen sehe ich in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Wasserstoff, Klima- und Umweltschutz sowie Digitalisierung – wird noch eine Weile auf sich warten lassen.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Eine positive Entwicklung des Arbeitsmarkts ist die Voraussetzung für ein ausreichend großes Ausbildungsplatzangebot. Dies wird nicht von heute auf morgen passieren. Die hemmenden Faktoren sind nach der aktuellen Befragung des Instituts für Arbeitsmakt- und Berufsforschung (IAB) unsichere Geschäftserwartungen, finanzielle Gründe und die unzureichende Bewerberlage.
„Abgehängt“ fühlen sich die Jugendlichen, die pandemiebedingt noch keinen Ausbildungsplatz finden konnten und vielleicht auch alsbald keinen finden werden. Viele von ihnen hatten noch nicht einmal die Chance, ein Betriebspraktikum zu absolvieren.
„Abgehängt“ fühlen sich auch diejenigen, die nach einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung jetzt den Übergang in ein Arbeitsverhältnis nicht geschafft haben.
Und: Auch ohne Pandemie sinkt die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge von Jahr zu Jahr in erheblichem Umfang und damit steigt die Zahl derer, die nicht in unser duales Ausbildungssystem hineinkommen, das ja eine Art Monopolstellung für den Zugang zum Arbeitsmarkt einnimmt. Für diese Jugendlichen ohne Schulabschluss oder mit unterdurchschnittlichem Hauptschul- oder Realschulabschluss brauchen wir neben einer verbesserten schulischen Ausbildung neue Konzepte für ein größeres Angebot an Lehrstellen. Und für diejenigen, die es einfach nicht schaffen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, sollte es gute und bedarfsgerechte niederschwellige Angebote mit Praxisorientierung geben. Wichtig wäre es, für diese Jugendlichen möglichst viele individuelle Bildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten aufzuzeigen und diese dann auch überall bekannt zu machen.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Die Pandemie hat die Transformation der Arbeitswelt in einem Ausmaß vorangetrieben, die vorher undenkbar war: neue Arbeitsorte (Homeoffice), neue Arbeitsformen (neue Selbstverantwortung, neue Anforderungen für Führungskräfte, neue Organisation der Zusammenarbeit, geänderte Arbeitszeiten), neue Kompetenzanforderungen für die Mitarbeiter usw.
Festzuhalten ist auch, dass die Pandemie ganze Branchen verändert hat: Neben den Gewinnern wie
z. B. Online Shopping und Logistik oder Teile der Pharmabranche gibt es die vielen Verlierer wie Tourismus, Einzelhandel, Kultur und Gastronomie. Nicht nur in diesen Branchen ist eine große Verunsicherung festzustellen: Die finanziellen Folgen von Arbeitsplatzverlust und Kurzarbeit, die Überforderung von Familien bzw. Alleinerziehenden, die unbefriedigende Situation in Schulen und Kitas – all das hatte und hat für viele Menschen direkte Auswirkungen auf ihre gesundheitliche Situation.
Wenig Veränderungen – und das wird recht selten betrachtet – gibt es z. B. in vielen Bereichen des Kundendienstes oder auch in der Basisarbeit, also den Tätigkeiten, für die keine oder wenig Qualifizierung vorausgesetzt wird. Die Beschäftigtenzahl in diesem gesamtwirtschaftlich wichtigen Bereich wird sich meines Erachtens nicht verringern.
Der Fachkräftebedarf wird weiterhin sehr hoch sein, schon allein wegen der demographischen Entwicklung. Allein die zurückgehende Zahl der Ausbildungsplätze wird den Fachkräftemangel weiter verstärken. Ihn zu decken, bleibt eine wichtige Aufgabe. Auch hier müssen bei Rekrutierung und Qualifizierung neue Wege gegangen werden und es muss viel mehr darauf geachtet werden, den Verlust an Wissen und Erfahrung, der sich mit dem Ende der Berufstätigkeit qualifizierter Mitarbeiter ergibt, zu vermeiden.

Dr. Peter Jeutter
JEUTTER CONSULTING Berlin

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Interview mit Dr. Rainer Dulger

26. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Die Lage ist ernst. Auch wenn die aktuellen Zahlen zum Arbeitsmarkt dank Kurzarbeitergeld und Wirtschaftshilfen ein relativ robustes Bild zeigen, sind die Folgen der Pandemie und der Lockdowns doch immer sichtbarer. Viele Unternehmen sind an ihrer Belastungsgrenze oder schon darüber hinaus. Je länger der Lockdown dauert, desto größer wird die Gefahr, dass Stellen abgebaut werden müssen. Gleichzeitig befinden sich viele Unternehmen in einer Transformation, die vor allem durch Digitalisierung und Dekarbonisierung getrieben wird.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Die große Frage ist jetzt, welche Lehren wir aus der Krise ziehen. Unsere Unternehmen haben enorme Summen in die Modernisierung ihrer Geschäftsmodelle und die Digitalisierung ihrer Infrastrukturen investiert. Das sind grundsätzliche gute Voraussetzungen, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit braucht es allerdings mehr: Flexibilität ist die wichtigste Grundlage für Resilienz. Und das ist vor allem eine politische Angelegenheit. Wir brauchen flexible Rahmenbedingungen, damit Unternehmen und Beschäftigte erfolgreich in die Zukunft blicken können. Unser Erfolg als Wirtschaftsstandort hängt entscheidend davon ab, ob wir Unternehmen jetzt entlasten und wieder atmen lassen. Jede zusätzliche Belastung durch kleinteilige Regulierung ist da wirklich kontraproduktiv.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Ausbildungsberufe entwickeln sich ständig weiter und werden den Anforderungen der Praxis entsprechend regelmäßig angepasst. Wenn sich aber nur einzelne Tätigkeiten ändern, führt dies nicht automatisch zu neuen Berufen. Manchmal entstehen aber tatsächlich ganz neue Tätigkeitsprofile, die dann auch neue Ausbildungsberufe erfordern. So ist kürzlich z. B. die Ausbildung für Kaufleute im E-Commerce entstanden. Wenn sich Anforderungen schnell ändern, brauchen wir zudem passgenaue Anpassungsqualifizierungen, die flexibel und bedarfsgerecht entwickelt werden. Neben den traditionellen Ausbildungen, die zu Abschlüssen führen, werden im Bereich der Weiterbildung auch Kurzformate immer wichtiger.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Kein Jugendlicher darf zurückbleiben. Am allerwichtigsten ist, dass jeder Jugendliche die Schule mit einem anständigen Abschluss und der notwendigen Ausbildungsreife verlässt. Wir brauchen einen nahtlosen Übergang von der Schule in eine betriebliche Ausbildung oder ein Studium und im Anschluss in den Arbeitsmarkt. Dazu braucht es eine gute Berufsorientierung in den Schulen und für Jugendliche mit Defiziten flexible Unterstützungsangebote, damit eine möglichst betriebliche Ausbildung erfolgreich abgeschlossen werden kann.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Die Arbeitswelt hat durch die Pandemie einen kräftigen Modernisierungsschub erhalten. Viele Dinge, die vorher sehr kompliziert schienen, wurden einfach umgesetzt – ganz pragmatisch und flexibel. Insgesamt ist die deutsche Wirtschaft dadurch digitaler geworden. Das spiegelt sich auch im Bedarf an Fachkräften wider: Im Bereich IT werden nach wie vor händeringend Expertinnen und Experten gesucht. Generell müssen wir leider feststellen, dass sich zu wenig Menschen für eine Ausbildung oder ein Studium im MINT-Bereich entscheiden. Seit Jahren haben wir hier eine große Lücke. Trotz Corona-Pandemie fehlen den Unternehmen aktuell deutlich über 100.000 Fachkräfte in dem Bereich. Und klar ist auch, dass der Bedarf in den nächsten Jahren strukturell bedingt weiter stark zunehmen wird. Diese fehlenden Köpfe bremsen unser Potenzial als deutsche Wirtschaft insgesamt aus.

Dr. Rainer Dulger
Arbeitgeberpräsident
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber BDA

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Interview mit Dr. Stephanie Robben-Beyer

14. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Corona fegt über den Arbeitsmarkt wie ein Erdbeben.
Stichwörter sind Homeoffice, flexibles Arbeiten, keine Reisen, virtuelles Führen, virtuelle Teams, Diversity, Quereinsteiger, Job-Sharing, Duale Ausbildungswege, lebensphasengerechte Flexibilitätsangebote, Brasilianisierung der Arbeitswelt, Neuorientierung des Bildungs-Systems, Vereinbarkeit, Family-Work-Balance, …
Die Situation ist sehr angespannt – insbesondere für bestimmte Branchen.
Deutschland fehlen Fachkräfte (u. a. durch „braindrain“ ins Ausland), ungelernte Arbeiter wie zum Beispiel Paketfahrer werden gesucht.
Die gesellschaftliche Schere klafft immer weiter auseinander.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Der Bereich des virtuellen Arbeitens. Führungskräfte müssen lernen, virtuell zu führen (der Fokus liegt insbesondere auf dem Ausbau Emotionaler, Sozialer, Kommunikativer Kompetenz, dem Systemischen Denken). Mitarbeiter müssen stetig weitere digitale Kompetenzen erwerben.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Ja! Kompetenzen wie Soziale, Emotionale und Kommunikative Kompetenz. Der Umgang der Menschen miteinander und Werte leben, müssen dringend geschult werden – in allen Gesellschaftsschichten! Lebenslanges Lernen muss zur Selbstverständlichkeit werden. Ich wünsche mir einen Ausbildungs-/Studiengang speziell mit dem Thema „Führung“ – unabhängig von Branchen.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Es ist eine Illusion, alle mitnehmen, respektive „Abgehängte“ einfangen zu können. Warum? Weil wir dafür das grundlegend falsche Bildungssystem und den falschen Integrationsansatz haben.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Vieles hierzu steht schon in der Antwort zur Frage 1. Unternehmen / Führungskräfte müssen sich für die hybride zukünftige Arbeitswelt rüsten. Das bedeutet, weniger Reisen, weniger analoge Meetings und mehr virtuelle Treffen. Dafür müssen Führungskräfte an ihrer Empathie und Sozialen und Kommunikativen Kompetenz arbeiten und insbesondere für virtuelle Meetings geschult werden.

Dr. Stephanie Robben-Beyer
Coach | Moderatorin | Mentorin
www.dr-robben-coaching.de

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Interview mit Bertram Brossardt

12. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Durch den breiten Einsatz von Kurzarbeit konnte es bislang verhindert werden, dass die Corona-Krise zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt hat. Es war deshalb richtig, den Einsatz der Kurzarbeit zu flexibilisieren und so Unternehmen die Möglichkeit zu geben, trotz des konjunkturell schwierigen Umfelds Beschäftigung zu halten.
Die langfristigen Folgen am Arbeitsmarkt durch die Corona-Krise sind bislang nicht absehbar und werden maßgeblich davon abhängen, wie schnell wir die Corona-Krise hinter uns lassen können. Ein Trend zeichnet sich allerdings bereits ab: der deutliche Rückgang der offenen Stellen, führt dazu, dass es schwieriger wird, Arbeitslose in Beschäftigung zu vermitteln. In der Konsequenz beobachten wir ein Aufwachsen der Langzeitarbeitslosigkeit. Hier werden wir ansetzen müssen. Neben der Aktivierung, Qualifizierung und Vermittlung ist es in diesem Zusammenhang dringend geboten, von einer weiteren Regulierung im Arbeitsrecht abzusehen und einen weiteren Anstieg der Lohnzusatzkos-ten zu verhindern.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Durch die Digitalisierung ändern sich nahezu alle Bereiche der Arbeitswelt. Diese Herausforderung muss ganzheitlich angegangen werden. Eine Priorisierung einzelner Bereiche erachten wir als nicht zielführend.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Insgesamt ergeben sich im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung neue Anforderungen des Arbeitsmarkts an die berufliche Bildung, d. h. sowohl an die Unternehmen als auch den dualen Partner Berufsschule. Das Berufsbildungssystem passt sich weitgehend flexibel an die sich wandelnden Arbeitsmarkterfordernisse an und wird stetig weiterentwickelt und optimiert. Derzeit gibt es 324 Aus-bildungsberufe, die auf Tätigkeiten in den unterschiedlichen Branchen vorbereiten. Um einen ausreichenden Überblick über das breite Spektrum zu erlangen, müssen junge Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft individuell, rechtzeitig und kontinuierlich in einem gezielten Berufswahl-prozess unterstützt werden. Im Fokus muss dabei die Praxisnähe der Berufsorientierungsangebote stehen.

Zum 01. August 2018 traten elf modernisierte M+E Ausbildungsberufe sowie sieben optionale Zusatzqualifikationen in Kraft. Dies ist ein Beispiel für die gelungene Weiterentwicklung der Ausbildungsberufe im Hinblick auf die Herausforderungen der digitalen Transformation.

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass es sich bewährt hat, die Anpassungen der Ausbildungsberufe in die Hände der Sozialpartner zu legen, die eine gestaltende und verantwortliche Rolle in der Berufsausbildung wahrnehmen. Es ist wichtig, die Ausbildungsanalysen kontinuierlich zu hinterfragen, zu modernisieren und an digitale Anforderungen anzupassen.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt weiterentwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Es ist und bleibt immer eine Herausforderung in allen Bildungsbereichen Partizipationsungerechtigkeit zu erreichen, auch im beruflichen Bildungssystem. Die Weiterentwicklung und Verstetigung des Instrumentes der Assistierten Ausbildung (AsA) ist eine Option, wie dies gelingen kann. Es gilt, diese Möglichkeit stärker bekannt zu machen. Im Zuge des digitalen Wandels wird es immer wichtiger, bestehende Maßnahmen durch innovative digitale Tools zu ergänzen, insbesondere um eine Nutzung im ländlichen Raum zu fördern. Ein weiteres wichtiges Element für mehr Partizipationsgerechtigkeit ist die Teilzeitausbildung. Das Modell bietet die Chance, zusätzliche Ausbildungs-/Beschäftigungsverhältnisse für eine ganz bestimmte Zielgruppe zu begründen. Die Option muss in Zukunft noch mehr bei den angehenden Fachkräften bekannt gemacht sowie bei den Betrieben angeboten werden.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Ent-wicklung beim Fachkräftebedarf?

Die Corona-Pandemie hat insbesondere in den Bereichen Gesundheit und Pflege nochmal drastisch offengelegt, wie wichtig es ist, dort den Personalbedarf adäquat zu decken. Aber auch im Bereich IT hat sich durch den Digitalisierungsschub der Corona-Krise der Fachkräftebedarf weiter erhöht.
Grundsätzlich sind wir gut beraten, Fachkräftesicherung unabhängig von konjunkturellen Schwankungen als Daueraufgabe zu sehen. Innerhalb dieses Jahrzehnts werden die sog. Baby-Boomer Jahrgänge in den Ruhestand gehen und das Erwerbspersonenpotenzial wird sich deutlich reduzieren. Die Frage, wie Betriebe künftig ihren Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften decken können, bleibt damit weiterhin eine zentrale Herausforderung.

Die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hat daher im Jahr 2018 zusammen mit der Bayerischen Staatsregierung die Initiative Fachkräftesicherung+ ins Leben gerufen. Gemeinsames Ziel ist es, die Unternehmen in Bayern bei der Fachkräftesicherung zu unterstützen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Qualifizierung und der beruflichen Weiterbildung, um den Beschäftigten das Rüstzeug für die Arbeitswelt von morgen zu vermitteln.

Bertram Brossardt
Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. und der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme vbm

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Interview mit Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg

7. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Die Corona-Krise hat die Situation des Arbeitsmarktes deutlich verändert – es gibt neben unveränderten Tendenzen klare Gewinner und Verlierer der Krise je nach Branche. Allerdings auch ohne die Pandemie steht der Arbeitsmarkt für großen Herausforderungen. Durch den demografischen Wandel verändert sich die Altersstruktur, während der technologische Wandel nicht nur einzelne Anforderungen verändert, sondern komplette Berufe. Was damals noch die Mehrheit der Arbeitsplätze ausmachte, wird heute von Maschinen übernommen, v. a. wiederkehrende und Handlangertätigkeiten. Für diese Mitarbeitenden fehlen schon heute oft die Aufgaben, die sich anstellen dessen übernehmen können.
Auch darüber hinaus verändert sich die Welt und damit der Arbeitsmarkt. Der gesamte Digitalbereich etwa hat weltweit in den letzten Jahrzehnten Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen. Auch im Energiesektor entstehen ganz neue Bedarfe, genau wie in vielen weiteren Branchen. Diese Chance muss ergriffen werden, vor allem durch passgenaue Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen und langfristige Planung in den Unternehmen.

Welcher Bereich in der sich verändernden Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Die vielleicht wichtigste Veränderung ist, dass Arbeiten längst nicht mehr synonym mit dem klassischen 9-to-5-Job ist. Entlohnt wird nicht mehr zwangsläufig nach Arbeitszeit, gearbeitet wird nicht mehr nur im Büro oder der Fabrik und die lineare Karriere vom Schulabschluss bis zum Ruhestand ist auch überholt.
Ich bin davon überzeugt, dass sich das auch in der Personalplanung der Unternehmen und den angebotenen Arbeitsrahmen widerspiegeln sollte: wer Mitarbeitende hat, die sich parallel in zwei oder mehreren ihrer Interessensbereiche engagieren und ihre Zeit viel freier selbst bestimmen können, der hat nicht nur glücklichere und zufriedenere Mitarbeiter, sondern vor allem auch welche, die interdisziplinäres Wissen und Netzwerke mitbringen.
In der Arbeitswelt der Zukunft, die kreative und innovative Ideen von fast allen Arbeitnehmern abverlangen wird, ist diese Flexibilität zu bieten kein Problem, sondern kann ganz im Gegenteil den wettbewerbsentscheiden Vorteil ausmachen. Was mich dabei v. a. interessiert ist agiles Arbeiten, der neue Leadership-Begriff, der Self Empowerment beginnt und Design Thinking als wirkungsvolle Methode, die Vielfalt optimal ein- und umsetzen kann.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Insbesondere in den praktischen Berufen hat uns das duale Ausbildungssystem in Deutschland zu außerordentlich leistungsfähigen Arbeitskräften und internationaler Anerkennung verholfen. Das System selbst ist nach wie vor vor fantastisch, um Auszubildenden eine Kombination aus formaler Berufsbildung und praktischer Erfahrung bieten zu können. In vielen Branchen und Berufen, scheint das Curriculum aber nicht mehr mit den tatsächlichen Anforderungen im Beruf übereinzustimmen. Werden in der Berufsschule in großem Umfang Methoden vermittelt, die seit Jahrzehnten nicht mehr zum Einsatz kommen, hilft die Dualität kaum. Die Ausbildungsberufe müssen daher kontinuierlich von Experten aus der Praxis evaluiert werden: Entsprechen die Berufsbilder grundsätzlich überhaupt noch den aktuellen Bedarfen? Sind die Profile und Curricula angemessen für die Anforderungen in der Praxis? Sind Absolventen der Berufsausbildungen tatsächlich gut vorbereitet, um auch in anderen Unternehmen direkt in den Beruf einzusteigen?
Die duale Berufsausbildung oder das Studium reichen in unserer heutigen, schnelllebigen Welt aber nicht mehr aus bzw. gibt es mittlerweile Alternativen, die die traditionelle Aus- und Weiterbildung redundant machen. Es gibt individuelle Qualifizierungsangebote, die jedem die Möglichkeit geben, sich nach den Entwicklungen in ihren Berufen und Branchen, aber auch nach ihren eigenen Interessen lebenslang weiterzubilden. Ein umfangreiches niederschwelliges Angebot ist essenziell, um die Stärken der deutschen Wirtschaft auch in einer sich weiterhin verändernden Arbeitswelt beizubehalten und weiterzuentwickeln.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die “abgehängten” aufzufangen und zu integrieren?
Die Herausforderung beginnt hier schon vor dem Einstieg in den Arbeitsmarkt. Das deutsche Schulwesen nimmt längst nicht alle Schüler*innen mit – Schüler*innen, die nicht in das Schema F passen, anders lernen, dann schlechte Noten, Demotivation, Aggression, nur einen Hauptschulabschluss oder letztendlich keinen haben und schon befindet sich jemand in einer Abwärtsspirale. Sowohl Schulen als auch Bildungspolitik und Unternehmen müssen diesen Jugendlichen mehr Möglichkeiten bieten, sich auszuprobieren, ihre individuellen Potentiale zu entfalten und Zukunftsskills auch außerhalb von Klassenzimmern mit traditioneller Wissensvermittlung im Frontalunterricht zu entwickeln.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Kurzfristig scheint die Corona-Pandemie natürlich erstmal wie ein dramatischer Einschnitt. Durch betroffene Absatzmärkte weltweit zwingen Nachfragemenge und wirtschaftliche Situation viele Branchen zu Kurzarbeit oder Kündigungen und die Kontaktbeschränkungen erschweren das Arbeiten vor Ort und das Anbieten von Dienstleistungen. So disruptiv und herausfordernd die Pandemie auch sein mag, langfristig können wir sie trotzdem als Chance sehen. Denn sie zeigt, dass Arbeiten von Zuhause oder unterwegs auch in großem Rahmen möglich ist, dass virtuelle Zusammenarbeit funktioniert und vor allem auch, dass einige Arbeitnehmer*innen durchaus davon profitieren, wenn sie Arbeit und Privates wie Teile eines Puzzles verbinden und ebenso voneinander trennen können. Hoffentlich können diese Erfahrungen als Augenöffner fungieren und zu mehr Flexibilität für Arbeitnehmer*innen führen.
Der Fachkräftebedarf wird sich längerfristig stabil halten bzw. in einigen Branchen sogar steigen. Die Stärke unserer Wirtschaft liegt in der hohen Leistungsfähigkeit, Innovationskraft und Flexibilität der Arbeitnehmer*innen und das wird auch so bleiben. Den Ball haben nun die Unternehmen, die Stärken erkennen und noch weiter ausbauen dürfen – und dabei ihre Personalplanung strategisch denken müssen.

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg
Leiterin des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement (IISM) an der SRH Berlin University of Applied Sciences, Geschäftsführerin GetYourWings gGmbH

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Interview mit Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, MdB

6. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Dem Arbeitsmarkt geht es vergleichsweise gut, die Corona-Krise geht aber auch am deutschen Arbeitsmarkt natürlich nicht spurlos vorbei. Durch die Kurzarbeit konnten Entlassungen größeren Ausmaßes verhindert werden. Allerdings werden auch hier während der Corona-Pandemie weniger Menschen neu eingestellt, was der Hauptgrund für den Anstieg der Arbeitslosigkeit ist. Und zusätzlich werden weniger Ausbildungsplätze angeboten. Die Bundesregierung hat am Anfang der Krise viele richtige Entscheidungen getroffen, wie die Erleichterung für Kurzarbeit. Es muss aber erstens mehr getan werden, Einstellungen zu fördern, um zu verhindern, dass sich Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt. Insbesondere für viele junge Menschen kann es dauerhafte Folgen haben, wenn der Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht gelingt. Zweitens müssten die derzeitigen Arbeitsmarktmaßnahmen stärker in Richtung Zukunft und Strukturwandel ausgerichtet werden. Wir haben zum Beispiel einen Weiterbildungsbonus von 200 Euro vorgeschlagen, damit Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit in der Krise stärker mit Weiterbildung verbunden wird.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Neben den verschiedenen anderen Megatrends – Digitalisierung, Einwanderung oder demografischer Wandel – halte ich den notwendigen sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft für die drängendste Herausforderung. Alle diese Veränderungen haben Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Veränderungen werden wir nur meistern, wenn sie mit mehr sozialer Sicherheit einhergehen. Das bedeutet, dass es neben dem Wandel zu nachhaltigem Wirtschaften auch einen Wandel zu mehr Arbeitsschutz, mehr sozialer Absicherung und besserer finanzieller wie sozialer Anerkennung der Erwerbstätigen braucht. Die sozialen Sicherungssysteme müssen universeller und armutsfest werden. Wir wollen mit einer Garantiesicherung Hartz IV überwinden sowie die Sozialversicherungen nach dem Prinzip Bürgerversicherung weiterentwickeln und die Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsversicherung, mit der nicht nur Arbeitslose, sondern auch Erwerbstätige inkl. Selbständige, im Wandel unterstützt werden. Ein wichtiger Schlüssel dabei ist Weiterbildung. Wir fordern deswegen einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung, der mit einem Freistellungsanspruch, auch in Teilzeit, und einer finanziellen Absicherung verbunden ist. Wir schlagen dafür ein Weiterbildungsgeld für Erwerbstätige und Arbeitslose vor, dass 200 Euro höher ist als das Arbeitslosengeld I bzw. Arbeitslosengeld II. Des Weiteren muss die Weiterbildungsberatung verbessert werden. Außerdem sorgen faire Einkommen und Arbeitsbedingungen für eine lebenswerte Gesellschaft.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Unsere Arbeitswelt ist im Wandel. Dafür sorgen nicht zuletzt die Digitalisierung und der Strukturwandel der Wirtschaft. Arbeit wird vernetzter, mobiler, aber auch unsicherer. Es entstehen neue Formen der Erwerbstätigkeit und berufliche Kenntnisse müssen laufend aktualisiert werden. Zeitgemäße berufliche Qualifikationen und persönliche Kompetenzen sind essentiell, damit Menschen die Möglichkeit erhalten, die Veränderungen auf Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft für sich positiv zu nutzen und nachhaltig zu gestalten. Dafür braucht es neben einer soliden Grundausbildung im Verlauf eines langen Arbeitslebens eine Vertiefung der eigenen Kompetenzen im Beruf, regelmäßige Weiterbildungen oder manchmal auch eine Umschulung oder eine grundsätzliche berufliche Neuorientierung. Berufliche Weiterbildung hat heute längst noch nicht den Stellenwert, den sie in einer sich wandelnden Arbeitswelt braucht. Für die Gesellschaft als Ganzes muss Weiterbildung genauso wichtig werden wie Schulbildung, Ausbildung oder Studium. Deshalb wird es zu einer zentralen Aufgabe der Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik, die staatlichen Unterstützungsstrukturen zukunftsfest weiterzuentwickeln und auszubauen. Für Weiterbildung soll der Staat neben den Unternehmen und den Betroffenen selbst künftig mehr Verantwortung zu tragen.
Wir Grünen wollen deshalb einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung einführen. Zudem möchten wir die Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsversicherung weiterentwickeln, damit alle Erwerbstätigen auch präventiv – also noch vor dem Jobverlust – für sich neue Perspektiven eröffnen können und dafür Unterstützung erfahren.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Junge Menschen müssen da abgeholt werden, wo sie sind und nicht dort, wo wir glauben, dass das Bildungssystem sie abgestellt hat. Der Arbeitsmarkt kann nur schwer ausbügeln, was in der Schule verbockt wurde. Für viele Kinder beginnt das Gefühl „aussortiert zu werden“ nämlich schon direkt in der Schule. Entweder sie kommen aus „guten“ Familien, dann sind die Kinder Hoffnungsträger:innen und werden hofiert oder sie kommen aus „schlechten“ Familien, dann fällt der Apfel nicht weit vom Stamm und Misserfolg wird quasi erwartet. Kritisches und selbstbestimmtes Denken fehlt in beiden Extremen – weshalb eigentlich schon das Bildungssystem verbessert werden müsste, damit der Arbeitsmarkt nicht glätten muss, was in den Jahren zuvor versäumt wurde. Um Chancengleichheit herzustellen, braucht es auch ein höheres Maß an Umverteilung, vor allem von Vermögen, sowie eine bessere finanzielle Absicherung durch eine Kindergrundsicherung und ein garantiertes Mindesteinkommen für die Eltern. Außerdem brauchen wir Wege in das Berufsleben, die auf die vielfältigen Interessen und Kompetenzen der jungen Menschen ausgerichtet sind. Das heißt vor allem niedrigschwellige Zugänge zu verschiedensten Ausbildungsberufen und Studienplätzen und mehr Durchlässigkeit zwischen den Bildungsgängen.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Neben den oben genannten Megatrends hat die Pandemie vor allem an zwei Stellen Handlungsbedarf aufgezeigt, die schon vorher vorhanden waren, aber jetzt noch einmal besonders deutlich wurden.
Erstens hat die Pandemie geschlechtsspezifische Ungleichheiten verstärkt, weil immer noch die Frauen das Hauptmaß an Sorgearbeit übernehmen und ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren. Das liegt auch an ökonomischem Kalkül, weil Frauen immer noch deutlich geringere Erwerbseinkommen haben als Männer. Und das, obwohl gerade in der Krise offensichtlich war, dass die sogenannten systemrelevanten Berufe überproportional von Frauen gestemmt werden, in denen aber viel zu geringe Löhne gezahlt werden. Das heißt, wir müssen mehr Anreize schaffen, dass Frauen nicht immer wieder in die alte verkrustete Rolle geschoben werden, für die Kinder und die Familie da zu sein. Wir müssen für eine geschlechtergerechte Umverteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sowie Einkommen und Vermögen sorgen.
Zweitens wurden die gravierenden Lücken in der sozialen Absicherung von Selbständigen deutlich. Das gilt sowohl für die Arbeitslosenversicherung als auch für die Grundsicherung. Durch die Kurzarbeit konnte für viele abhängig Beschäftigte Schlimmeres verhindert werden. Selbständige haben aber keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld, selbst wenn sie freiwillig in der Arbeitslosenversicherung versichert sind. Wir müssen hierbei sowohl die Zugänge vereinfachen als auch die Leistungen an die der abhängig Beschäftigten anpassen. Und die Grundsicherung in Form von Hartz IV ist insbesondere für Selbständige überhaupt nicht geeignet. Eine Mindestabsicherung innerhalb der Einkommensteuer als negative Einkommensteuer wäre der bessere Weg.


Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, MdB
Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/ Die Grünen
Sprecher für Arbeitsmarktpolitik und Europäische Sozialpolitik

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Interview mit em. Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Friedrich Schneider

1. April 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Sie ist sehr angespannt, da die Arbeitslosigkeit durch die schwere Rezession nur sehr langsam sinkt.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Alle Dienstleistungsberufe.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Nein

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Beide müssen sich (weiter-)entwickeln. Beim Arbeitsmarkt sollten mehr duale Ausbildungsplätze und größere Durchlässigkeit bei der Weiterbildung geschaffen werden.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Starke Zunahme der Arbeit im Home-Office und stark gestiegene Schattenwirtschaft sowie Nachbarschaftshilfe.

em. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Friedrich Schneider
Research Institute of Banking and Finance
JOHANNES KEPLER UNIVERSITY LINZ

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Interview mit Michael Vogel

31. März 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Aktuell ist durch Corona eine gewisse Verunsicherung zu beobachten – Mitarbeiter bleiben vorsorglich im bestehenden Arbeitsverhältnis, wenn sie nicht sicher genug einschätzen können, wie sich die Lage im Allgemeinen und bei einem potenziellen neuen Arbeitgeber im Besonderen in der nächsten Zeit entwickeln wird. Wir stellen jedenfalls eine deutlich zurückgegangene Fluktuation fest. Sobald die Corona-Pandemie unter Kontrolle ist und sich das Leben in Richtung Normalität entwickelt, wird auch die frühere Beweglichkeit wiederkehren – dann vielleicht sogar verstärkt, weil es einen gewissen „Nachholbedarf“ gibt.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Die Veränderung der Arbeitswelt nimmt weiter an Tempo und Komplexität zu. Das überfordert viele, die eigentlich nur „ihren Lebensunterhalt verdienen wollen“. Die Unternehmen müssen Wege finden, ihren Mitarbeitern Orientierung zu geben und vorausschauende Entwicklungsangebote machen – fachlich wie persönlich.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Die klassischen Handwerks- und Akademikerberufe werden weiter zurückgehen, die Digitalisierung und deren enormes Tempo werden die Arbeitswelt von morgen prägen. Wissen von heute ist morgen nur noch die Hälfte wert. Deshalb ist es schon heute anstelle vielfältiger fachlicher Inhalte wichtiger zu lernen, wie man lebenslang lernt.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Unternehmen müssen eine Bereitschaft entwickeln, diesen Jugendlichen eine besondere, entsprechend qualifizierte Betreuung anzubieten, um ihre Entwicklung zu fördern, sie in das Arbeitsleben und auch sozial zu integrieren.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Die deutlichste Veränderung kommt durch den Schub bei der Digitalisierung und beim Home Office mit allen Chancen, aber auch Risiken. Auf mittlere und längere Sicht erwarte ich aber keine anhaltenden Auswirkungen auf den Fachkräftebedarf.

Michael Vogel
Leiter Instandhaltung (P.RM-SBM-B3)
DB Regio AG – S-Bahn München

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Interview mit Jana Schimke, MdB

30. März 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Bisher wurde durch Kurzarbeit und Überbrückungshilfen viel dafür getan, um Stellenabbau und Firmenpleiten im größeren Ausmaß abzuwenden. Dennoch verzeichnen wir inzwischen nach einem Jahr Pandemie und Lockdown einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Je länger die Pandemie dauert, desto schwerer werden die Folgen für die deutsche Wirtschaft sein.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Ich glaube, dass unsere Unternehmen sich gut auf die Entwicklungen durch Digitalisierung, Globalisierung und verändertes Verbraucherverhalten einstellen können – wenn man sie lässt. Sie brauchen keine Unternehmensberatung durch die Politik. Sie brauchen gute politische Rahmenbedingungen und ein investitionsfreundliches Klima. Woran mir sehr gelegen ist, das ist der Gründernachwuchs. Leiden heutige Unternehmen sehr unter Bürokratie, Kosten und Auflagen, dann wird es schwer, junge Menschen vom Weg in die Selbstständigkeit zu überzeugen. Bei allen Debatten um gute Arbeitsbedingungen sowie Löhne und Gehälter müssen wir uns immer vor Augen halten, dass dies gesunde Unternehmen voraussetzt.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
In einer sich verändernden Arbeitswelt bedarf es sicher zweierlei: der Weiterentwicklung bestehender und die Entwicklung neuer Berufsbilder. Aber auch hier gibt nicht die Politik den Weg vor, sondern die jeweiligen Branchen, vertreten durch Ihre Kammern, Innungen und Verbände. Grundsätzlich halte ich es für richtig, neue Trends perspektivisch auch in ein Berufsbild zu kleiden. Wer seinen Lebensunterhalt auf Grundlage von Zertifikaten und angelernten Tätigkeiten verdient, nicht aber in einem beurkundeten Beruf, dürfte sowohl beim Einkommen als auch im Krisenfall mehr zu kämpfen haben.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Das Paradoxe an der heutigen Zeit ist, dass unseren Kindern alle Wege offenstehen, diese aber gefühlt größere Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren und vor allem zu entscheiden. Das ist nicht zwangsläufig eine Frage der Herkunft. Ich sitze oft Neunt- oder Zehntklässlern gegenüber, die keine Vorstellung davon haben, wo Ihre Talente liegen, was ihre Interessen sind oder welche Berufe für sie in Frage kommen. Diese fehlende Neugier am eigenen Leben macht mich fassungslos. Der Wohlstand, in dem wir leben, trägt sicher dazu bei. Die institutionelle Förderung „abgehängter“ Jugendlicher ist in Deutschland sehr gut. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Herkunft nicht davor schützt, Leistung erbringen zu müssen, um Ziele zu erreichen. Fordern und Fördern sind die elementaren Prinzipien, die sich dabei bewährt haben.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Das mobile Arbeiten und die stärkere Durchführung digitaler Formate kann künftig eine größere Rolle einnehmen, auch aus Effizienz- und Kostengründen. Ich beobachte aber auch den starken Wunsch vieler Beschäftigter, an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Wertschöpfung, Kreativität und Motivation entstehen eben auch durch ein soziales Miteinander. Der Fachkräftebedarf wird vermutlich bleiben, da dieser Bereich nicht so stark von Arbeitslosigkeit betroffen ist und die Krise mittelfristig vorübergehen wird.


Jana Schimke, MdB
Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales
Mitglied im Vorstand der CDU/CSU Bundestagsfraktion

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Interview mit Dr. Hans-Peter Klös

29. März 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?

Die langanhaltende Einschränkung wirtschaftlicher Aktivitäten wirkt sich mittlerweile spürbar auf den Arbeitsmarkt aus. Das wesentliche Instrument, mit dem Betriebe ihrer gesunkenen Arbeitskräftenachfrage begegnen, bleibt die Arbeitszeitverkürzung, vor allem durch ein weiterhin hohes Niveau an Kurzarbeit. Dadurch konnten in der Spitze die Arbeitsplätze von drei Millionen Menschen gesichert und die Wirtschaft massiv stabilisiert werden. Unter anderem deshalb kommt es bisher nach wie vor selten zu Entlassungen.

Zunehmend schwierig ist hingegen die Lage bei Minijobs und Selbstständigen. Bei den Insolvenzen ist das Bild noch unklar: Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht hat bisher zu einer sinkenden Zahl von Unternehmensinsolvenzen geführt. Creditreform rechnet aber mit einer deutlichen Zunahme der Insolvenzen für die zweite Hälfte dieses Jahres und geht von einem Rückstau in Höhe von etwa 25.000 überwiegend kleinen Betrieben aus. Alles in allem sind binnen Jahresfrist inzwischen rund 750.000 Arbeitsplätze in der Gesamtwirtschaft verloren gegangen, die Arbeitslosigkeit ist hingegen nur um rund eine halbe Million gestiegen.

Der Arbeitsmarkt dürfte sich zwar in diesem Jahr etwas erholen, aber auf absehbare Zeit nicht das Vorkrisenniveau erreichen. Im Schnitt dürften 2021 2,8 Millionen Menschen arbeitslos sein. Der für Arbeitsuchende stark erschwerte Zugang in den Arbeitsmarkt verändert aber zunehmend die Struktur der Arbeitslosigkeit. Ein Grund dafür ist die derzeit geringe Einstellungsbereitschaft der Betriebe. Sorge bereitet daher vor allem die Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit. Der steigende Anteil der Langzeitarbeitslosen erschwert die schnelle Rückführung der Arbeitslosigkeit, weil diese nach allen Erfahrungen weit schwerer wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?

Deutschlands Abstand zu den internationalen digitalen „first movern“ ist eher größer als kleiner geworden. Der Reifegrad bei der Digitalisierung in Deutschland streut bisher noch erheblich nach Branchen. Im Business-to-Business-Segment hat Deutschland wohl noch einen Vorsprung, den es unbedingt zu sichern gilt. Dafür ist die Digitalisierung von „Industrie 4.0“ ein zentraler „Enabler“. Aber auch für die Bewältigung anderer „Megatrends“, wie z.B. die De-Karbonisierung, den demografischen Wandel ab Mitte dieses Jahrzehnts, eine mögliche pandemiebedingte De-Globalisierung und die Nachhaltigkeit in allen Bereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens setzt eine weitere Durchdringung unseres Lebens und Arbeitens mit digitalen Prozessen voraus.

Die Veränderung der Geschäftsmodelle, der Arbeitsorganisation und des Kompetenzerwerbs werden stärker und schneller Hand in Hand gehen müssen. Diese Anpassung wird weniger als zuvor zertifikatsgetrieben sein und lebenspfadabhängig erfolgen können, Geschwindigkeit wird noch wichtiger. Dies gilt inhaltlich, arbeitsorganisatorisch und prozessual. Hinsichtlich der Arbeitsmarktordnung ist eine deutlich stärkere Orientierung auf zentrale technologische Trends sowie auf veränderte Anforderungen an die Arbeitsorganisation erforderlich. Dies betrifft Arbeitszeiten, Arbeitsorte und Arbeitsinhalte.

Die betriebliche Personalpolitik wird digital „augmented“, KI-unterstützt und ist ein entscheidender „Change Agent“. Der Bedarf an qualitativer Tarifpolitik zur Gestaltung des Wandels dürfte weiter zunehmen. Die disruptive Kraft der technologischen Dynamik erfordert die Reform von Inhalten und Methoden der Ausbildung sowie eine Weiterentwicklung der existierenden Ausbildungs- und Weiterbildungsstrukturen, die künftig stärker im Sinne von Karrierepfaden und Berufslaufbahnkonzepten noch enger miteinander verzahnt werden.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?

Die duale Ausbildung steht ohne Zweifel durch sich digitalisierungsbedingt verändernde Geschäftsmodelle, eine höhere Studierneigung und die Corona-Pandemie unter Druck. Eine entscheidende Anforderung innerhalb des Systems der Berufsausbildung wird es sein, zum einen die Qualifikationsprofile noch flexibler zu machen, etwa in Form von Zusatzqualifikationen, Wahlqualifikationen oder betrieblichen Einsatzfeldern in mehr Berufen, die laufend angepasst, ergänzt oder erweitert werden können. Zum anderen sind die Fort- und Weiterbildungsangebote flexibel zu erweitern und damit verbundene Optionen zur beruflichen Profilierung und zu spezifischen fachlichen Karrierepfaden transparenter zu machen.

Die Art des betrieblichen Lernens dürfte sich unter dem Eindruck einer beschleunigten Digitalisierung weiter verändern. Für die Arbeit relevantes Wissen ist für alle Mitarbeiter digital verfügbar. Der Arbeitsplatz wird zum formalen Lernort. Die Wissensvermittlung findet überwiegend nicht mehr im „Klassenzimmer“ statt, sondern vor Ort im direkten Arbeitskontext. Micro Learning mit digitalen Medien gewinnt an Bedeutung. Präsenzlernen reduziert sich, bleibt aber wichtig zum Üben, Ausprobieren und Anwenden. Peer to Peer-Lernen wird als Methode wichtiger und muss organisiert werden. Digitalisierung ist aber kein einfaches Ersetzen von Präsenzseminaren durch E-Learning.

Die Weiterbildung wird individueller und vielfältiger werden und muss flexibler und schneller auf veränderte Bedarfe reagieren können. Viele Unternehmen und Beschäftigte haben derzeit einen hohen Orientierungs- und Beratungsbedarf bezüglich der Inhalte und der Lernmedien. Es ist schwer zu definieren, welche Kompetenzen in Zukunft benötigt werden. Aus- und Weiterbildner sowie Lehrkräfte brauchen daher umso mehr passgenaue Weiterbildungsangebote für den digitalen Wandel. Das Weiterbildungsengagement der Unternehmen steigt kontinuierlich.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?

Deutschland ist bisher stets ein Land mit geringer Jugendarbeitslosigkeit gewesen. Damit das auch trotz und nach der Pandemie so bleibt, verdient vor allem die Entwicklung am Ausbildungsmarkt ein besonderes Augenmerk, denn eine berufliche Ausbildung ist bisher noch immer der beste Weg zur Arbeitsmarktintegration für Jugendliche. Die Corona-Pandemie hat aber die Vermittlung auf dem Ausbildungsmarkt im Beratungsjahr 2019/20 deutlich beeinträchtigt und die Ausgleichsprozesse verlangsamt. Dadurch ist die Situation auf dem Ausbildungsmarkt herausfordernd: Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge fiel 2020 um 57.600 bzw. 11,0 Prozent niedriger aus als ein Jahr zuvor (2019: 525.000).

Mit Blick auf das neue Ausbildungsjahr 2020/2021 hat die diagnostische Unsicherheit noch einmal deutlich zugenommen: Offen ist derzeit zum Beispiel, inwiefern durch Kurzarbeit oder Insolvenzen noch mit Ausbildungsabbrüchen oder -unterbrechungen gerechnet werden muss, die Übernahme durch den Ausbildungsbetrieb nicht möglich ist oder die Ausbildung beim bisherigen Betrieb nicht fortgeführt werden kann. Schließlich muss auch damit gerechnet werden, dass wegen weiterhin eingeschränkten Wirtschaftsaktivität gerade in Branchen mit hohen Ausbildungsquoten die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Jahr 2021 noch einmal zusätzlich gedämpft werden dürfte.

Umso wichtiger sind daher die Maßnahmen, die im Rahmen der Allianz für Ausbildung ergriffen wurden: Das verlängerte und fortentwickelte Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ wird in einer ganzen Reihe von Punkten verbessert, etwa durch die Verdopplung der Höhe der Ausbildungsprämien für das kommende Ausbildungsjahr 2021/2022, die Erweiterung des Zuschusses zur Verhinderung von Kurzarbeit während der Ausbildung, die Einführung eines einmaligen Sonderzuschusses für Kleinstbetriebe bis zu vier Mitarbeitern, die Erweiterung der Übernahmeprämie auf Fälle der Kündigung aus wichtigem pandemiebedingten Grund und die Öffnung der Förderleistungen für KMU mit bis zu 499 Beschäftigten (bislang 249) Beschäftigten.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?

Durch die zunehmenden und verstärkt verfügbaren technischen Möglichkeiten werden einerseits neue Arbeitsplätze und Berufe geschaffen, andererseits werden aber auch zahlreiche Arbeitsplätze verloren gehen. Insgesamt dürfte die Digitalisierung insgesamt einen neutralen bis positiven Effekt auf das quantitative Niveau an Beschäftigung haben. Eine große gesellschaftliche Aufgabe besteht aber auch darin, den durch die Digitalisierung und zusätzlich durch die De-Karbonisierung ausgelösten Veränderungs- und Transformationsprozess so zu gestalten, dass Chancen genutzt und Risiken bestmöglich reduziert werden können.

Der demografisch bedingt zunehmende Fachkräftebedarf wird nach der Pandemie den deutschen Arbeitsmarkt wieder stärker dominieren. Mit der Qualifizierung ihrer Beschäftigten und der Ausbildung des eigenen Fachkräftenachwuchses können und müssen die Betriebe dem begegnen. Im Bereich der beruflichen Weiterbildung hat sich die Corona-Krise bereits als Trendbeschleuniger erwiesen. Absehbar ist, dass Kompetenzen zur Gestaltung des digitalen Wandels künftig in allen Branchen und Berufen eine wichtige Rolle spielen werden und dabei sowohl agile Arbeitsformen wie die Zusammenarbeit mit autonomen Systemen der Künstlichen Intelligenz zunehmend zum Arbeitsalltag gehören werden.

Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass sich an die Stelle klassischer Wertschöpfungsketten branchenübergreifende Wertschöpfungsnetze herausbilden werden, die eine neue Form von Querschnittsberufen oder Querschnittskompetenzen erforderlich machen werden. Für Erwerbsformen wie freie Mitarbeiter, Crowdworker und Clickworker, die in einer digitalen Ökonomie vermehrt auftreten dürften und auch auf Plattformen vermittelt werden können, ergeben sich veränderte Qualifizierungserfordernisse, wie zum Beispiel selbstgesteuertes Zeitmanagement, Selbstmarketing, Kundenakquise, Datenanalysen und -recherchen. Nie zuvor war daher die betriebliche Personalpolitik stärker gefordert als in der jetzigen digitalen Transformation.

Dr. Hans-Peter Klös
Geschäftsführer und Leiter Wissenschaft
Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.
kloes@iwkoeln.de

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Interview mit Johannes Vogel, MdB

8. März 2021

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes ein?
Auch auf dem Arbeitsmarkt spüren wir natürlich die Krise, aber insbesondere dank des Kurzarbeitergeldes konnten wir erheblich schwerere Einbrüche abfedern. Dafür hat die GroKo aber beispielsweise Selbstständige (ohne Angestellte) vollkommen im Stich gelassen. Wir müssen nun dafür sorgen, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften nach der Krise schnellstmöglich steigt.

Welcher Bereich in der sich veränderten Arbeitswelt steht für Sie im Vordergrund?
Das mobile Arbeiten auch im Homeoffice dominiert natürlich die Debatte, weil es eine große, chancenreiche Veränderung ist. Für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und beispielsweise auch das Klima. Wichtig ist, dass wir für diese Veränderung auch einen modernen Rechtsrahmen schaffen: Mit einem modernen Rechtsrahmen nach niederländischem Vorbild und einem neuen Arbeitszeitgesetz, das mehr flexible Einteilung der Arbeitszeit unter der Woche ermöglicht. Nur wenn wir ein Mehr an örtlichen und zeitlichen Freiheiten kombinieren, nutzen wir die Chancen ideal.

Brauchen wir neue Ausbildungsberufe und andere Qualifikationen?
Neue Ausbildungsberufe und Qualifikationen entstehen ja regelmäßig und das ist gut so. Von einem dynamischen Arbeitsmarkt, der immer neue Berufe und Möglichkeiten für Talente hervorbringt, profitiert die Wirtschaft und damit das gesamte Land.

Wie muss sich der Arbeitsmarkt entwickeln, um alle Jugendlichen mitzunehmen, insbesondere um die „abgehängten“ aufzufangen und zu integrieren?
Wir brauchen vor allem mehr neue Jobs und einen Arbeitsmarkt, der niedrige Einstiegshürden offenbart. Nicht für alle Menschen wird es sofort neue lukrative Vollzeit-Jobs geben, daher ist es gut, wenn wir allen eine Leiter für den sozialen Aufstieg bauen. Ein zweiter wichtiger Baustein ist aber natürlich auch die Bildung. In Deutschland gilt noch immer die Norm, dass Bildung mit der Ausbildung oder dem Studium ende. Wir brauchen aber ein zweites Bildungssystem für das ganze Leben, damit lebenslanges Lernen zur Normalität wird.

Gibt es infolge der Corona-Pandemie Veränderungen in der Arbeitswelt und wie sehen Sie die Entwicklung beim Fachkräftebedarf?
Natürlich gerade im Bereich Homeoffice gibt es viele Veränderungen. Diese Veränderungen nun zu Verbesserungen im alltäglichen Leben für möglichst viele zu machen, ist eine der wichtigen anstehenden politischen Aufgaben mit den oben angesprochenen Schritten.

Johannes Vogel MdB
Sprecher für Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik der FDP-Bundestagsfraktion
Generalsekretär der Freien Demokraten NRW

stellvertretender FDP-Vorsitzender

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